Der Enguri und das O-Wort – Georgien und die Buchmesse

Vorab ein Editorial

Ganz Georgien freut sich auf den großen Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Zu Recht, denn das ist eine einmalig große Chance für das Land, die da vor ein paar Jahren von der damaligen Botschafterin Georgiens in Berlin, Gabriela von Habsburg aufgetan wurde. Muss denn da die KaPost wieder einmal aus der Reihe tanzen und den Ober-Kritiker spielen? Wir meinen ja. Denn, wer nach Europa strebt, muss lernen, konstruktive Kritik zu üben und diese sachlich zu begründen. Zu allererst ist das eine Aufgabe von Journalisten. Und er muss lernen, mit Kritik umzugehen, sie zu ertragen. So gesehen sind die kritischen Beiträge dieser Ausgabe zur Buchmesse als auch zum Verhalten des georgischen Parlamentspräsidenten (RAINwurf) unser bescheidener Beitrag zum Gelingen der Euro-atlantischen Aspiration Georgiens. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In diesem Sinne wünschen wir uns und allen Besuchern der Frankfurter Buchmesse anregende Begegnungen, offene Gespräche und einen lebhaften Diskurs über dieses Land, das der KaPost jetzt seit mehr als einem Jahrhundert Heimat ist. Und wir wünschen uns eine offene Diskussion in Georgien und stellen uns gerne jeder sachlichen Kritik an unserer Arbeit.

Götz-Martin Rosin – Rainer Kaufmann

Der Enguri und das O-Wort
Georgien vor der Frankfurter Buchmesse

Keine Frage, Georgien ist in Deutschland derzeit in aller Munde. Theater-Tourneen, Literaturabende mit und ohne georgische Leckerbissen, TV-Dokumentationen, Talk-Shows, Ausstellungen jedweder Art und alles, was das Herz sonst noch erfreut. Ein bundesweites Rahmenprogramm, das sich sehen lassen kann. Die Internet-Influenzer kommen kaum nach, jede Buch-Neuerscheinung auf dem deutschen Markt, die Georgien betrifft, zu teilen. Kaum ein georgischer Autor, dessen aktuelles Werk nicht auch auf Deutsch übersetzt worden wäre. Kein deutscher Verlag, der sich nicht mit Neuerscheinungen zu Georgien präsentieren würde. Und auf dem Tourismusmarkt ist Georgien medial wenigstens ganz vorne mit dabei, ein Land, das man einfach gesehen haben muss. Eine mittlerweile selbst laufende PR-Maschinerie, die dem Land alles andere als schaden kann. Vom 10. bis zum 14. Oktober dauert die Messe, danach wird es wohl recht schnell ruhiger werden um Georgien in Deutschland, vor allem um die georgische Literaturszene. Wie nachhaltig Georgien diesen Sonder-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse zu nutzen weiß, wird sich erst noch erweisen. Wir werden in der nächsten Ausgabe über den Verlauf der Buchmesse berichten.

Trotzdem gibt es jetzt schon einige kritische Anmerkungen und Fragen. Gastland der Buchmesse ist Georgien, nicht die georgische Sprache. Georgien hat Minderheiten, nicht nur die in den de-facto-Republiken Abchasien und Süd-Ossetien. Es gibt auch andere ethnische Gruppierungen: Armenier und Aserbaidschaner zum Beispiel. Eine spannende Frage: Finden diese Volksgruppen auf der Buchmesse statt? Oder: Was ist mit den eigenständigen Sprachen Swanisch, Mingrelisch oder Kistisch? Wird das offizielle Georgien die große Chance nutzen, sich und die oft gerühmte, Jahrhunderte alte Tradition ethnischer Toleranz in Frankfurt wenigstens in Ansätzen zu präsentieren? Wobei daran zu erinnern wäre, welche Verpflichtungen das Land mit seiner Mitgliedschaft im Europarat in diesem Zusammenhang eingegangen ist. Wird das irgendwo in Frankfurt deutlich?

Gerade bei dem berechtigten Anspruch des Landes auf territoriale Integrität wäre es doch eine spannende Strategie, auf der Buchmesse insbesondere Abchasien und Süd-Ossetien als georgische Regionen zu präsentieren und dies mit einer eigenständigen Sprache und Kultur, beides gepflegt und gefördert durch die Institutionen in Tiflis. Gibt es da nicht etwa ein eigenständiges Ministerium, das sich diesen Themen zu widmen hat? Zur Erinnerung: Die KaPost hat diese Fragen bereits im Januar dieses Jahres gestellt.

Dabei haben wir auch auf die Peinlichkeit im offiziellen Präsentations-Video Georgiens hingewiesen, in dem es unter dem Buchstaben E = Enguri heißt: Enguri – ein tosender Fluss, der in das Schwarze Meer mündet in einer spektakulären Region Georgiens: Abchasien, derzeit von Russland okkupiert.“

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Buchmessen-PR die geographische Situation des Landes wohl völlig falsch darstellt. Der Enguri entspringt unterhalb des höchsten Berges Georgiens, dem Schkhara, und zwar aus dessen Gletscher heraus. Er fließt durch Ober-Swanetien und durch die atemberaubend schöne und wilde Enguri-Schlucht in den Enguri-Stausee. Unterhalb der Staumauer geht es weiter am Dorf Dschwari vorbei in Richtung Sugdidi. Bis kurz vor Sugdidi führt der Enguri nicht einen Kilometer durch Abchasien, erst nach dem Dorf Lia ist er dann hauptsächlich Grenzfluss zwischen den georgischen Provinzen Abchasien und Mingrelien, einige wenige Kilometer nur fließt er dabei komplett durch abchasisches Gebiet, alles andere als eine spektakuläre Landschaft. Kurz vor Anaklia, etwa beim Dorf Darcheli trennen sich Fluss und Grenze. Der Enguri mäandert noch ein paar Kilometer durch die mingrelische Ebene, um in Anaklia ins Schwarze Meer zu münden, rund drei Kilometer südlich der abchasischen Grenze. Eine bekannte Szenerie, spätestens seit Saakaschwili im Jahr 2012 den Enguri etwa 100 Meter vor seiner Mündung mit einer Holzbrücke überspannen ließ, um die beiden Teile seines geplanten, großen Badeparadieses Anaklia miteinander zu verbinden.

Es ist nach wie vor unerklärlich, warum die Image-Werber unter E=Enguri nicht dessen Oberlauf beschrieben haben mit all den Sagen und Geschichten vom Schaf-Fell zum Beispiel, mit dem Goldstaub aus dem Fluss gewonnen wurde, dem Ursprung der Sage vom Goldenen Vliess und dem Reichtum der swanischen Kirchlein an Ikonen und mittelalterlichen Fresken? Oder von den herrlichen, mittelalterlich anmutenden Wehrturmdörfern in Oberswanetien, die am Enguri liegen? Das Gastland Georgien präsentiert sich dagegen mit einer inhaltlichen Verrenkung, nur um irgendwo wenigstens die politisch wohl erforderliche, aber dennoch recht billige Propaganda unterzubringen: Das O-Wort – das aktuelle Mantra der georgischen Politik. Darf die Weltmesse der Literatur von seinem Ehrengast nicht eine tiefer gehende Analyse der historischen Ereignisse erwarten? Es bleibt abzuwarten, ob diese Frage irgendwie auf der Buchmesse thematisiert wird, ob sich die georgischen Intellektuellen erneut unisono vor den Karren des nationalen Mainstreams spannen lassen oder ob sie den Mut haben zu einer differenzierten Betrachtung der aktuellen politischen Lage des Landes.

Das georgische Buchmessen-Team wird sich auch mit einer anderen Frage beschäftigen dürfen: Das Buchstaben-Video scheint alles andere als eine kreative Leistung einer georgischen Agentur zu sein. Bei der Eröffnung der Winterolympiade in Sotschi im Jahr 2014 wurde ein vier-minütiges Video gezeigt mit dem Titel: Epic Cyrillic oder Russian Alphabet. Darin führt ein Schulkind die Betrachter aus aller Welt anhand der Buchstaben des kyrillischen Alphabets in Kultur und Geschichte Russlands ein. Haben die georgischen Imagewerber für die Frankfurter Buchmesse damit ausgerechnet beim bösen Okkupanten aus dem Norden abgekupfert? Und das auch noch bei einer der umstrittensten sportlichen Großveranstaltung der letzten Jahrzehnte, der Milliarden schweren großen Putin-Show?

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