Aus der Traum von der Winterolympiade 2030?

Ein eher peinliches Video soll das Sport-Event nach Georgien bringen

Die weltweite PR-Kampagne zur angedachten Bewerbung um die Winter-Olympiade 2030 hat sich der georgische Regierungschef sicher anders vorgestellt als die Horror-Szenen vom Skilift-Unfall in Gudauri von vor einigen Wochen. In Windeseile gingen die Videos durch die sozialen Netzwerke und landeten schließlich auch auf den Online-Ausgaben nahezu aller führenden Zeitungen der Welt.

Das offizielle Olympia-Video, das mit allerhöchstem Segen des Premierministers in youtube gepostet wurde, war allerdings auch eine eher peinliche Inszenierung denn eine gelungene Image-Werbung. Warum Georgien prädestiniert sei für Olympische Winterspiele wird da gefragt und ganz einfach beantwortet: Weil über 65 Prozent des Landes von Bergen bedeckt sei und diese Bergregionen durch eine gute Infrastruktur und entsprechende Straßen leicht erreichbar seien. Aussagen, die jedermann vor Ort auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann. Über sieben Millionen Touristen hätten im Jahr 2017 das Land besucht, allein im Wintertourismus habe es einen Zuwachs von 364 Prozent gegeben. Zahlen, die voll Stolz verkündet werden, die aber bei genauerem Hinsehen kaum einer Überprüfung standhalten. Die KaPost hat die offizielle Tourismusstatistik in ihrer Januar-Ausgabe ausführlich untersucht.

Nach dem Zitieren des bekannten Easy-Doing-Business-Indexes und anderer internationaler Top-Rankings werden die sechs (!) Skigebiete des Landes vorgestellt: Bachmaro, Goderzi-Pass, Tetnuldi-Plateau, Ratscha, Gudauri und Bakuriani. Ratscha ist Kennern des Landes bisher kaum als ein Ski-touristisches Ziel aufgefallen, wird mit seinem Flughafen in Ambrolauri aber als ein gelungenes Modell moderner Verkehrsinfrastruktur in den Bergen gefeiert. Bachmaro ist eines der abgelegensten und deshalb auch schönsten Dörfer Georgiens im Kleinen Kaukasus und vor allem ein Sommer-Kurort für Einheimische. Im Winter kommen seit ein paar Jahren einige Dutzend verwegene Ski-Fahrer aus Europa, die hier vorfinden, was es zu Hause nicht mehr gibt: eine unberührte Tiefschnee-Landschaft mit dem Unterbringungskomfort Almhütte. Für Olympia völlig ungeeignet. Außerdem: Wer auch immer etwas an der Situation in Bachmaro ändert, zum Beispiel durch eine wintertaugliche Straße, der zerstört eben den einmaligen Charakter dieses Ortes und damit auch seine Einzigartigkeit als Luftkurort im Sommer. Dasselbe kann auch für die Skigebiete am Goderzi-Pass oder am Tetnuldi-Plateau gesagt werden. Für ein Großereignis wie eine Olympiade sind sie völlig ungeeignet, weil im Winter nahezu unerreichbar. Etwa 20 Skifahrer wurden von deutschen Tiefschnee-Touristen am Tag an den Lifts vom Goderzipass in diesem Winter gesichtet (die KaPost berichtete in ihrer Februar-Ausgabe darüber). Am Tetnuldi-Skilift in Swanetien dürften es ein paar mehr gewesen sein. Aber auch hier gilt: Für eine Winter-Olympiade nahezu untauglich, da nicht einmal ein Minimum an Infrastruktur vorhanden ist, auf dem man aufbauen könnte.

Blieben dann noch die beiden traditionellen Ski-Gebiete Gudauri und Bakuriani. Die Landschaft um Gudauri dürfte kaum den Anforderungen genügen, die der olympische Hochleistungssport nun einmal fordert, zumal die eine Seite des Alasanitals mit seinem Gebirgskamm als Grenze zu Südossetien praktisch ausfällt. Aus diesen politischen Gründen musste vor einigen Jahren der bis dahin in bescheidenem Umfang doch recht erfolgreiche Heli-Ski-Tourismus eingestellt werden.

Und mit Bakuriani, dem früheren Trainingszentrum der nordischen Olympiamannschaft der Sowjetunion, ist auch nicht mehr allzu viel Staat zu machen, wenngleich sich die touristische Infrastruktur in den letzten Jahren erheblich verbessert hat. Zur Erinnerung aber: Michail Saakaschwili hatte sich mit Bakuriani allen Ernstes offiziell um die Winter-Olympiade 2014 beworben und ist kläglich gescheitert. Den Zuschlag bekam damals Sotschi. Warum sich der georgische Regierungschef jetzt von seinen PR-Beratern erneut auf das Glatteis einer Olympia-Bewerbung hat führen lassen, ist daher kaum verständlich. Denn dem Land fehlt es überall an der erforderlichen Infrastruktur, keines der genannten Skigebiete hat genügend Platz oder die landschaftlichen Voraussetzungen, eine Olympiade darstellen zu können. Und schließlich: Was soll Georgien, sollte es den Zuschlag bekommen und das alles finanziell stemmen, was soll Georgien dann mit all den über-dimensionierten Arenen für Hochleistungssport anfangen? Wie diese unterhalten und wie auf Dauer finanzieren?

Der Höhepunkt der peinlichen Video-Selbstdarstellung: Der jugendliche Koba Tsakadze, einst ein bekannter Skisprung-Weitenjäger der UdSSR, wird als erfolgreicher Olympia-Athlet vorgeführt. Tatsache ist aber, der Skispringer aus Bakuriani hat zwar das eine oder andere Springen der deutsch-österreichischen Vierschanzen-Tournee gewonnen und wurde dadurch bekannt, ging bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen jedoch immer leer aus. Schließlich führen die Video-Werber für die Winter-Olympiade noch die Gesamtzahl georgischer Medaillengewinner bei Olympischen Spielen auf: Seit 1952 haben an 16 Olympischen Spielen insgesamt 359 georgische Athletinnen und Athleten teilgenommen. Die Medaillen-Ausbeute: 39 Gold-, 29 Silber- und 57 Bronze-Medaillen. Auf Nachfrage beim Nationalen Olympischen Komitee des Landes war dann aber zu erfahren, dass es für Georgier in der Geschichte der Olympischen Spiele keine einzige Medaille im Winter gegeben hat. Georgier sind zum Beispiel Weltspitze im Ringen, Gewichtheben und Judo. Im Wintersport hatten sie noch nie viel zu melden, mit Ausnahme eben Koba Tsakadze und der hatte nur bei der Vierschanzen-Tournee einen internationalen Podestplatz erringen können. Als Aushängeschild für eine Olympia-Kandidatur taugt der heute über 80 Jahre alte Skispringer, der immerhin als einer Vorreiter des damals mutigen Fischstils beim Springen galt, ebenso wenig wie die mittlerweile völlig heruntergekommenen Schanzen des einstigen sowjetischen Olympia-Stützpunktes Bakuriani. Das alles spielt bei Video-Regisseuren aber keine Rolle, die den Auftrag ihrer Regierungsspitze erfüllen sollen, das Land als idealen Gastgeber einer Winter-Olympiade darzustellen.

Im Januar hatte der Premier noch bei einem Besuch beim Internationalen Olympischen Komitee in Lausanne und dessen Präsidenten Bach verkündet, im März werde eine IOC Delegation in Georgien vor Ort die Voraussetzungen für eine Olympia-Bewerbung überprüfen. Über das Ergebnis dieser Visite, sofern sie denn überhaupt stattgefunden hat, ist bis heute nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Auch über den Hintergrund des Liftunfalls wurde die Öffentlichkeit bisher nur unzureichend unterrichtet.

Der Link zum Video:

https://www.georgianjournal.ge/discover-georgia/34136-georgia-interested-in-hosting-winter-olympics.html

PS.: Vor einigen Jahren hatte sich Mikheil Saakaschwili mit Bakuriani schon einmal um die Austragung einer Winter-Olympiade beworben. Die aktuelle Inititative des georgischen Premierministers ist also nicht gerade originell. Damals kam Georgien noch nicht einmal in das olympische Auswahlverfahren. Der Gewinner: ausgerechnet Sotschi.

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