Georgien zum Jahreswechsel (6): Exportartikel Arbeitskräfte

Sichern georgische Arbeitsmigranten mit ihren Überweisungen den Lari?
Der Finanzminister hat sich sicher über diese Meldung gefreut: Im September haben georgische Arbeitsmigranten aus aller Welt 24,2 Prozent mehr Geld an ihre Familien überwiesen als Vergleichsmonat des Vorjahres. Insgesamt wurden 124,4 Millionen Dollar an Remittenzen – so nennt man diese Zahlungen – nach Georgien überwiesen, während lediglich 19 Millionen Dollar an Zahlungen ähnlicher Art aus dem Land geflossen sind. Ein Währungsüberschuss von mehr als 100 Millionen Dollar, erarbeitet von all den Georgiern, die im Lande selbst keine Arbeit finden und somit nichts anderes können, als ihre Arbeitskraft zu exportieren. Zum Vergleich einige Zahlen aus der Export-Statistik: Von Januar bis September des Jahres 2017 hat Georgien 52 Millionen Flaschen an Wein in 45 Länder exportiert mit einem Gesamtwert von 116 Millionen Dollar. Andere Export-Produkte: Kupfer und Kupfer-Konzentrate (309,7 Millionen), Eisen-Mangan-Legierungen (237,2 Millionen), Auto-Re-Export (149,4 Millionen).

Das heißt: Die Arbeitsmigranten haben im September mehr Dollars ins Land überwiesen als die Weinwirtschaft in den ersten neun Monaten des Jahres eingenommen hat.

Russland mit 40,7 Millionen Dollar, Italien und Griechenland mit jeweils 13 Millionen Dollar führen die Liste der Herkunftsländer dieser Geldschwemme an. Es folgen: USA (12,6 Millionen), Israel (11,6 Millionen), Türkei (9,5 Millionen), Spanien und Deutschland (jeweils 3,1 Millionen).

In die georgische Währung umgerechnet beträgt der Überschuss im September etwas mehr als 250 Millionen Lari. Bei einer offiziellen Bevölkerung von 3,7 Millionen Menschen macht das eine Summe von knapp 70 Lari pro Person. Da in der Bevölkerungsstatistik aber viele Georgier mitgezählt werden, die als Arbeitsmigranten im Ausland sind – legal oder illegal –, kann man davon ausgehen, dass im September ein hier lebender Einwohner im Durchschnitt rund 100 Lari erhalten hat. Wenn nur die Hälfte der Georgier davon profitiert, dann ist das pro Geldempfänger mit 200 Lari mehr als die gesetzliche Rente. Keine Frage, eine Summe, die vielen Menschen und Familien an der Armutsgrenze das Überleben überhaupt erst ermöglicht. Und eine wichtige Konjunkturspitze, denn es darf davon ausgegangen werden, dass diese Gelder nahezu komplett in den Konsum fließen.

Und jetzt wird es jetzt wieder spannend, etwas genauer hinzuschauen. Zwischen 60 und 70 Prozent der Lebensmittel, die in Georgien verzehrt werden, müssen importiert werden, da weder Landwirtschaft noch Lebensmittelverarbeitung funktionieren. Ein Großteil dieser Importe wird somit offensichtlich mit den Devisen der Remittenzen finanziert. In der Währungsbilanz helfen sie dem Land damit kaum. Viel wichtiger allerdings: Importe schaffen kaum Arbeitsplätze in Georgien. Ein Teufelskreis. Zumindest so lange, wie der Aufbau einer funktionierenden Landwirtschaft samt Lebensmittelverarbeitung nicht unbedingt als erste Priorität georgischer Wirtschaftspolitik zu erkennen ist. Die wirtschaftlichen Nutznießer der georgischen Arbeitsmigration sind fast ausschließlich die Importeure. Und der Exportartikel Nummer eins ist offensichtlich die menschliche Arbeitskraft. Eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung sieht anders aus.

 

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