„Das ist keine Architektur“

Vortrag der Denkmalschützerin Maia Mania zum Umgang mit dem Architekurerbe der Stadt   

Von Daniel Nitsch

Das deutsche Architekturerbe von Tiflis ist zwischen die Fronten der kommerziellen und historisch sensiblen Stadterneuerung in Tiflis geraten. Im Rahmen der deutschen Woche präsentierte Maia Mania ausführlich ihre Forschungsergebnisse bei einem Vortrag im Goethe-Institut. Auf zahlreichen – auch historischen – Bildern wurde erstmals ein großer Teil des noch bestehenden Erbes gezeigt und die Aktivitäten der Stadt bezüglich Revitalisierung der historischen Stadtviertel kritisch betrachtet. Maia Manias größter Kritikpunkt ist, dass die Altstadtsanierung bisher planlos vor sich geht. Eine wissenschaftliche Auflistung schützenswerter historischer – aber auch moderner – Baudenkmäler ist bisher noch nicht erfolgt. Dadurch sind besonders jene Baudenkmäler in Gefahr, wo Investoren sich besonders viel Profit erwarten. Viele schützenswerte Gebäude wurden bereits abgerissen oder zumindest komplett kaputt renoviert. Dies betrifft nicht nur die zahlreichen Gebäude der deutschen Siedler, sondern speziell die alten Stadtviertel mit niedrigen Gebäuden, wo ein großes Verdichtungspotential besteht und zahlreiche Gebäude aufgrund der langen Vernachlässigung besonders marode sind.

Die deutsche Geschichte in Tiflis beginnt 1844 mit der Gründung der Tifliser Kolonie, eine neue Siedlung entlang der heutigen Aghmaschenebeli-Straße. Eine zweite Siedlung (Alexanderdorf) wurde einige Jahre später im Bereich des heutigen Didube angelegt. Die Gebäude aus der Anfangszeit waren noch typische mitteleuropäische Höfe mit Wohn- und Wirtschaftsteil sowie einem großen Garten, der zum Obst- und Gemüsebau verwendet wurde. Zahlreiche Gebäude können auch heute noch von Architekturlaien unschwer als „deutsch“ erkannt werden. Merkmale dieser frühen Bauwerke sind beispielsweise die markanten Giebeldächer sowie die damals in Europa sehr beliebten Gestaltungselemente des Neobarock und Klassizismus. Im Gegensatz zu den Gebäuden in den anderen bedeutenden Kolonien wie Katharinenfeld (Bolnissi) und Eilsabethtal (Assureti), wo die deutschen Häuser großteils Fachwerkskonstruktionen sind, wurden die Tifliser Gebäude fast ausschließlich aus Ziegelmauern errichtet.

Später wurden bei den deutschen Häusern immer mehr regionale Gestaltungselemente übernommen, wie beispielsweise die prächtigen georgischen Holzbalkone. Gleichzeitig haben jedoch auch die deutschen Gestaltungselemente bei georgischen Häusern in anderen Stadtteilen Einzug gehalten. Mit fortschreitender Verstädterung wurde die Landwirtschaft aus der Vorstadt verdrängt und die hinteren Teile der Parzelle ebenfalls verbaut, es entstanden die so genannten „Italienischen Höfe“ (Italiuri Esebi), die bis heute die Stadt in großen Teilen prägen und in den deutschen Siedlungen ihren Ursprung hatten.

Ab 1850 erlebte Tiflis ein starkes Wachstum, bedingt durch die Industrialisierung aber auch dadurch, dass Tiflis die Hauptstadt des gesamten Transkaukasischen Gebietes im Russischen Reich war. In dieser Zeit haben zahlreiche europäische Architekten in Tiflis gebaut und verschiedene Stilrichtungen aus Europa nach Georgien gebracht. Deutsche Architekten haben in dieser Periode quantitativ deutlich mehr das Erscheinungsbild der Stadt geprägt als beispielsweise italienische, russische oder polnische Architekten.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche repräsentative Gebäude in der Tifliser Neustadt entlang der Rustaweli-Straße, bei den meisten davon waren deutsche Architekten federführend beteiligt. Hervorzuheben sind hier besonders drei Namen: Leopold Bielfeld (1838-1921) kam 1868 aus Oldenburg nach Tiflis; Otto Jacob Simonson (1826-1914) aus Dresden, ein Schüler von Gottfried Semper, der, bevor er 1858 nach Tiflis kam, noch die Synagoge in Leipzig errichtete; sowie Albert Salzmann (1833-1897), der in Tiflis einen klassischen Architektentod starb: Er stürzte vom Baugerüst. Diese drei Architekten haben, gemeinsam mit zahlreichen anderen deutschen Architekten, das Erscheinungsbild der Stadt bis heute nachhaltig geprägt.

Besonders auf der Rustaweli-Straße entstanden unter deutscher Beteiligung gegen Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Monumentalgebäude. Salzmann entwarf die Nationalgalerie im italienischen Stil und die Newskij-Kathedrale im byzantinischen Stil, an deren Stelle heute das Parlament steht. Bielfeld erbaute die Kaschweti-Kirche nebenan wurde von Bielfeld entworfen, er musste die Kathedrale von Samtawisi als Vorlage verwenden. Simonson war für die Erweiterung des Vizekönigspalastes (heute Jugendpalast) inklusive der Innenausstattung mit damals sehr beliebten orientalischen Ornamenten sowie die Gestaltung des Alexandergartens (heute: Park des 9. April) verantwortlich. Die Oper wurde 1901 nach einem Entwurf von Viktor Schröter errichtet, das Alte Rathaus stammt von Paul Stern und Heinrich Karl Werner Scharrer entwarf das Erste Gymnasium.

Weitere wichtige Gebäude von deutschen Architekten sind noch das ehemalige Hotel London neben der Trockenen Brücke sowie das 1861 eröffnete, damals state-of-the-art, Observatorium mit drehendem Aussichtsturm, das heute jedoch vom Abbruch bedroht ist.

Speziell die Gebäude an der Aghmaschenebeli-Straße werden nun saniert. Dies wird von der Vortragenden Maia Mania jedoch scharf kritisiert. Es ist zwar positiv, dass nach Jahrzehnten der Vernachlässigung endlich einmal etwas getan wird, doch die Umsetzung ist es, die kritisiert wird. Die Renovierungsarbeiten werden sowohl technisch als auch vom architektonischen bzw. kunsthistorischen Standpunkt oft mehr als fragwürdig durchgeführt.

So wurde neben das Hotel Wetzel auf der Aghmaschenebeli-Straße, das von Bielfeld entworfen wurde, eine grässliche Kitschburg gebaut. Das Hotel war bis vor Kurzem noch eines der Wahrzeichen der Straße, doch diese Wirkung ging nun verloren. Einerseits wurden die Dekorationen am ehemaligen Hotel nicht stilgerecht erneuert, obwohl noch detaillierte Pläne vorhanden sind. Doch auch das neue Nachbargebäude „passt nicht in Größe, Proportion und Stil in die Umgebung“. Auch das andere Nachbargebäude, ein sowjetischer Bau im brutalistischen Stil, wurde mit nicht dazupassenden Ornamenten verkitscht. Ein architektonisch hochwertiges Gebäude, Repräsentant einer bestimmten Epoche und eines bestimmten Baustiles, bekam Dekorelemente aus Gips und einen falschen Zwiebelturm verpasst. „Die Gebäude verlieren den Charakter, das ist keine Architektur“, echauffiert sich Maia Mania. Die gesamte Stadt leidet nachhaltig darunter. „Früher haben diese Gebäude auch auf jene Menschen eine große Wirkung gehabt, die nichts von Architektur verstehen, aber heute? Wie soll man denn in dieser Umgebung Kinder großziehen und ihnen einen Sinn für Stil und Ästhetik vermitteln?“

Hier wäre ihrer Meinung nach die Stadtverwaltung gefordert. „Wenn es nach mir ginge, und ein Investor legt mir so einen Plan vor, würde ich ihn nicht bauen lassen“. Und wenn man aber dennoch solche Bausünden zulässt, ist die Lösung ihrer Meinung nach einfach: „Man darf es nicht ‚Restaurierung‘ nennen. Wenn man es Restaurierung nennt, dann muss es nachher so aussehen wie vorher. Aber das ist keine Restaurierung, sondern etwas anderes, ich weiß nicht was!“

Auch der Nutzungsmix dieser frühindustriellen Stadtteile mit Wohnen, Kleingewerbe und Geschäften, der aus europäischen Städten fast vollständig verschwunden ist und nun mühevoll und teuer versucht wird, wieder herzustellen, existiert in Tiflis bis heute. Durch diese Umgestaltungen besteht die Gefahr, dass auch Tiflis in monofuktionale Stadtviertel zerfällt und somit die Fehler der Stadtplanung Europas 60 Jahre später schmerzhaft wiederholen muss. Schlafstädte und abends ausgestorbene Büroviertel mit einer massiven Abhängigkeit von Automobilität wären das Resultat.

Die politische und kommerzielle Entscheidung, wie mit dem historischen Bauerbe in Tiflis umzugehen ist, scheint inzwischen gefallen zu sein, und diese ist zu akzeptieren. Dennoch ist die Aufarbeitung der Architekturgeschichte der Stadt auf der theoretischen Ebene eine wichtige Aufgabe. Und sei es nur als historische Dokumentation. Dazu, hofft Maia Mania, habe sie einen Beitrag geleistet, mehr könne sie derzeit leider nicht machen.

 

 

Maia Mania ärgert sich über die neue Kitschburg neben dem ehem. Hotel Wetzel (im Dia rechts)

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