Gali, Tiflis, Bruchsal und ein großer Traum


Natia Todua, das Talent von „The Voice of Germany“, hat sich mit Äußerungen zu Georgien wenig Freunde gemacht. Da sie in derselben Stadt in Deutschland wohnt wie der KaPost-Herausgeber Rainer Kaufmann, konnte er Natia samt Gasteltern dort besuchen. Sein Fazit: Da traf eine junge Frau mit nur unzureichenden Deutsch-Kenntnissen auf Medien-Profis im Sowbizz, die anscheinend nur das publizierten, was in ihr vorbereitetes Klischee passte. Und das auch noch ohne jede Sachkenntnis von Georgien. Immerhin, auf Intervention der KaPost hat zumindest der BILD-Ombudsmann einiges klargestellt. Hier die KaPost Reportage über Natia Todua:

Die wahre Geschichte des Voice-of-Germany-Talents Natia Todua

Am Donnerstag Abend hat Natia Todua bei the Voice of Germany ein zweites Mal Publikum und die Coaches mit ihrer einmaligen Soul- und Jazz-Stimme fasziniert. Sie gewann ihr Battle gegen Nanette Foh und ist eine Runde weiter in der beliebten Casting-Show. Eine Stimme, der Fachleute durchaus Finalchancen einräumen, wenn nicht sogar die realistische Chance auf einen Sieg. Das ist die eine Seite der Geschichte der 21-jährigen Frau aus Georgien, die derzeit in Deutschland lebt: Die Geschichte von der Erfüllung eines großen Traums.

Die andere Seite: Natias eigene Lebens-Geschichte, die alles andere als traumhaft war. Und sie wurde auch in nahezu allen deutschen Medien, nicht nur im Boulevard, mit vielen Missverständnissen und falschen Klischees wieder gegeben. Die KaPost hat Natia in ihrem neuen Zuhause im badischen Bruchsal besucht, wo sie seit August bei der georgischen Künstlerin Natia Mcheidze und ihrem deutschen Mann Rainer Schmitt als Gasttochter lebt. Natia Mcheidze, Tochter des bekannten georgischen Bildhauers Levan Mcheidze, arbeitet als freie Künstlerin mit Ausstellungen in Deutschland und Georgien. Rainer Schmitt ist seit vielen Jahren in Georgien engagiert, zunächst als Bundeswehrarzt in der früheren UNOMIG (United Nations Mission in Georgia) und zwar in der abtrünnigen abchasischen Region Gali, später als GTZ-Projektleiter in Tiflis.

Natia Todua stammt aus Abchasien, wo sie die meiste Zeit ihrer Jugend verbrachte. Geboren wurde sie 1996 allerdings in Tiflis, ihre Eltern, beide studierte Betriebswirtschaftler, mussten nach dem ersten Abchasienkrieg Anfang der 90-er Jahre zunächst nach Tiflis fliehen. Als dann unter Schewardnadse eine Vereinbarung mit der abtrünnigen Republik Abchasien getroffen wurde, nach der ethnischen Georgiern aus der Region Gali eine sichere Rückkehr in ihre Heimat zugesagt wurde, waren ihre Eltern unter den ersten, die diesen Schritt wagten. Natia war gerade zwei Jahre alt, ihre Schwester fünf. Vom alten Familienhaus stand, so erzählten ihr die Eltern, nur die Garage. Aber immer noch besser als die Ein-Zimmer-Wohnung in einem Flüchtlingsblock im Tifliser Vorort Gldani. Und vor allem eine Aufgabe: Der Wiederaufbau der früheren Existenz in der Heimat. Allerdings: Das ganze Dorf war eine einzige Trümmerwüste, zerstört nach der Massenflucht der dort wohnenden Georgier. Bis heute, so Natia, habe sich an diesem Befund wenig geändert. Abchasien liege noch immer überwiegend in Trümmern, vor allem in den früheren georgisch bewohnten Gebieten.

Am Ende der UdSSR lebten in Abchasien rund 500.000 Menschen, nur etwa 90.000 von ihnen gehörten zur Titularnation der Autonomen Sowjetrepublik Abchasien, waren also Abchasen. 240.000, mithin fast die Hälfte der Bevölkerung, waren ethnische Georgier, teilweise erst angesiedelt, nachdem Abchasien in die Sozialistische Sowjetrepublik Georgien eingegliedert worden war. Die Abchasen sind ein muslimisches, nordkaukasisches Volk, die Georgier orthodoxe Christen. Mit der Unabhängigkeit Georgiens zauberten die Abchasen eine alte Sowjetverfassung aus dem Jahr 1925 hervor, mit deren Hilfe sie sich von Georgien lossagten und eine unabhängige Republik ausriefen. Es kam 1993 zu einem Krieg, den die zumindest zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Abchasen nur mit militärischer Hilfe Russlands gewannen und alle Georgier aus Abchasien vertrieben. Ethnische Säuberung. Natia Todua war damals allerdings noch nicht geboren. Den Krieg hat sie niemals selbst erlebt. Was sie aber erlebt hat bis zum Ende ihrer Schulzeit: die Folgen des Krieges, nämlich Zerstörung, Trümmer und eine Art Besatzungssystem ihres Dorfes durch Abchasen und Russen. Und wenn sie in Interviews vom Krieg in ihrer Heimat sprach, dann meinte sie zum einen nicht Georgien, sondern ausschließlich Abchasien. Und sie meinte vor allem die mehr als widrigen Lebensumstände ihrer Jugend, die vom früheren Krieg und seinen Folgen geprägt waren.

Bis zu ihrem 17. Lebensjahr wohnte Natia im Dorf Nabakevi bei Gali, allerdings mit mehreren Unterbrechungen. Elfmal musste die Familie umziehen, immer wieder hervorgerufen durch das Chaos der Nachkriegszeit. Das Schulhaus war zerstört, teilweise wurde der Unterricht in einem kleinen Viehstall abgehalten. Kein Kunst- oder Musikunterricht, keine Möglichkeiten Sport auszuüben. Alles, was Kindheit andernorts ausmacht, hatte sie in Abchasien nie vorgefunden. Und als junges Mädchen habe sie sich nie getraut, abends nach Einbruch der Dunkelheit noch das Haus zu verlassen. Militärpatrouillen. Gefährlich. Dass dies alles dann zu missverständlichen Zitaten in deutschen Medien führte, ist nicht unbedingt verwunderlich, da Natia erst seit etwas mehr als einem Jahr Deutsch lernt. Als sie im August 2016 als Au Pair Mädchen nach Deutschland kam, hatte sie kaum Kenntnisse von der Sprache ihres Gastlandes. Intensiv-Deutschunterricht hat sie erst seit August dieses Jahres. Und dann, schon im Frühjahr mit der Zusage von The Voice of Germany, eine Serie von Interviews mit deutschen Medien-Profis. Fotoshootings, TV-Interviews. Das konnte nie und nimmer gut gehen.

Nach Ende ihrer Schulzeit schickten sie ihre Eltern zusammen mit ihrer Schwester nach Tiflis, wo die beiden erst einmal allein klar kommen mussten. Natia studierte Wirtschaftswissenschaften, beendete das Studium allerdings nicht. Die Musik veränderte plötzlich ihr Leben. Zu Hause in Abchasien kannte sie nur mingrelische Folklore oder russischen Pop – für sie alles langweilig. Hier in Tiflis, im Alter von 17 Jahren, hörte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Jazz und Blues. Sie ließ sich mitreißen, sang einfach mit und sang einfach nach und fand heraus, dass sie eine Stimme für diese Art für Musik hatte. Und natürlich auch ein Faible. Sie sah zum ersten Mal Kneipen und Pubs und Jugendliche ihres Alters, die sich darin tummelten. In Abchasien eine unvorstellbare Welt. Tiflis, für Natia ein Paradies.

Was jetzt folgt, hat irgendwie seine eigene Logik: Mit 18 Jahren Teilnahme an einem ersten Nachwuchs-Wettbewerb. Dabei traf sie die bekannte Tifliser Formation „Vakis Parki“, die sie sofort anheuerten, erst als Background-Sängerin, dann auch als Solistin. Und Natia kannte damals weder eine Note, noch konnte sie mit irgendeinem Instrument etwas anfangen. Als zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Tiflis dann ihre Mutter samt jüngstem Bruder auch in die georgische Hauptstadt umzog – der Vater ist in seiner abchasischen Heimat geblieben -, konnte Natia schon mit ihren Gesangs-Honoraren die vierköpfige Familie ernähren, ihr Studium hatte sie ohnehin von Anfang an selbst finanziert.

Mit Jazz und Blues, das war ihr schnell klar, konnte sie in Georgien keine große Karriere machen. Kneipen-Musikerin ja, aber größere Geschichten, Konzerte sogar oder auch ein Musikstudium, das war für sie auch angesichts der fehlenden musikalischen Grundausbildung nicht drin. Und – bei zwei Teilnahmen an TV-Casting-Shows in Georgien und der Ukraine – hat man ihr recht deutlich klar gemacht, dass sie mit dieser Musikrichtung keinen Blumentopf gewinnen könne. Folk-Pop sei erfolgversprechend, für Natia keine attraktive Perspektive.

Der Rest der Geschichte ist vermutlich weitgehend bekannt. Natia schaffte es, ein Visum für einen Au Pair Aufenthalt in Deutschland zu bekommen, war zunächst bei einer Familie in München, dann aber recht schnell bei einer zweiten Familie in Kirchheim/Teck bei Stuttgart. Dann: Bewerbung via Internet-Präsentation bei The Voice of Germany und angenommen für die Blind Audition, die im Sommer aufgezeichnet wurde. Da war ihre Au Pair Zeit bereits abgelaufen.

Der Kontakt zu Natia Mcheidze und Rainer Schmitt war in ihrer Tifliser Zeit bereits entstanden, die Musiker von Vakis Parki sind Jugendfreunde von Natia, bei einem Gig der Band hat man sich kennen gelernt. Rainer und Natia sind dann sofort eingesprungen, haben für Natia die dringend erforderlichen Intensiv-Sprachkurse organisiert, damit ihr Visum um ein Jahr verlängert werden konnte. Seither wohnt sie in Bruchsal, ihre Gasteltern haben ihr ein kleines Tonstudio organisiert und neben dem Sprachunterricht auch noch einen Musiklehrer. Jetzt lernt Natia Todua, das natürliche Stimmwunder aus The Voice of Germany, zum ersten Mal in ihrem Leben die Tonleiter und ein Musikinstrument. Und will damit ihrem nächsten Traum einen Schritt näher kommen: einem Studium an der Pop-Akademie in Mannheim. Zuvor stehen aber noch eine weitere Prüfung bei The Voice of Germany an, die Sing offs, bevor es dann – hoffentlich – in die zwei Live-Finalrunden geht. Natia und ihre Gasteltern zweifeln nicht daran, dass sie bis zum Schluss dabei ist. Allein das darf man angesichts der Lebensgeschichte der sympathisch-selbstbewussten Sängerin aus Georgien eigentlich als ein Wunder bezeichnen.

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