Zwischen Börsen-Steigflug und Bauchlandung

Hintergründe zum Flugausfall des ungarischen Billigfliegers WIZZ Air

aus der August-Ausgabe der Kaukasischen Post

Für Börsianer befindet sich der ungarische Billigflieger WIZZ Air auf Steigflug, zumindest in der Einschätzung des Branchendienstes www.boerse-online.de. Für rund 200 Passagiere auf dem Flughafen Memmingen stand der Name WIZZ Air vor zwei Wochen allerdings eher für eine veritable Bauchlandung. Zum vierten Mal in diesem Jahr strich WIZZ Air einen Flug ab Memmingen kurzfristig und ersatzlos, zweimal war Kutaissi als Ziel betroffen. Zumindest die Streichung vor zwei Wochen geschah unter höchst bemerkenswerten, weil fragwürdigen Umständen, wie die KaPost seit 20. August auf www.kaukasische-post.de ausführlich berichtet. Auch in den nächsten Wochen und Monaten verfolgen wir das Geschehen konsequent weiter, vor allem was die Frage des Schadensersatzes angeht.

Obwohl boerse-online den Branchenführer Ryanair angesichts seiner Größe wegen deutlich besser bewertet als WIZZ Air, kommt der Dienst zu dem Schluss, das ungarische Unternehmen müsse sich nicht verstecken, seine Zahlen überzeugten: „Seit dem Gang an die Londoner Börse am 25. Mai 2015 legte der Aktienkurs um 132 Prozent zu – fast so viel wie das 133-Prozent-Plus, das Ryanair seitdem eingeflogen hat. Eine reife Leistung ist auch der seit Gründung im Jahr 2003 vollzogene geschäftliche Aufstieg. Immerhin gilt die Airline mittlerweile als die größte Low-Cost-Fluggesellschaft in Mittel- und Osteuropa. Möglich wurde das durch die günstige Kostenstruktur und den Fokus auf Kundenservice.“ WIZZ Air wolle schlicht ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Mit 81 Airbussen wurden im vergangenen Jahr mehr als 23 Millionen Passagiere zwischen 141 Flughäfen in 42 Ländern hin- und hergeflogen.  Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr 2016/17 um zehn Prozent auf 1,6 Milliarden Euro, der Nettogewinn um 28 Prozent auf nahezu 250 Millionen Euro. Für das laufende Jahr erwarten die Verantwortlichen einen leicht höheren Nettogewinn von 250 bis 270 Millionen Euro. Die Analysten sind erfreut, sie trauen WIZZ Air gute Marktchancen zu und eine gute Kursentwicklung. Alles bestens also, zumindest auf Seiten der Anteilseigner und Börsianer.
Die Kehrseite dieser Medaille bekamen WIZZ Air Passagiere in der Nacht vom 19. auf 20. August im bayerischen Memmingen zu spüren. Billig-Airliner haben einen sehr engen Flugplan mit äußerst knapp berechneten Verweildauern auf den Flughäfen. Die Maschine mit dem Kennzeichen W6 6409 hatte diesem Tag folgende Flüge zu absolvieren: Kutaissi – Larnaca (Zypern), Larnaca – Kutaissi, Kutaissi – Memmingen, Memmingen – Kutaissi. Und am Folgetag: Kutaissi-Dortmund, Dortmund-Kutaissi, Kutaissi-London, London-Kutaissi.

Am Morgen schon gab es in Larnaca eine Verspätung von einer Stunde, was angesichts des engen Zeitplans nicht mehr aufzuholen war. Somit war beim Abflug aus Kutaissi im Prinzip schon klar, dass dies erhebliche Probleme in Memmingen zeitigen würde, da sich die geplante Abflugzeit 20:50 Uhr um mindestens eine Stunde verzögern musste. Und damit wäre man gefährlich nah an die 22:00 Uhr-Grenze gekommen, ab der in Memmingen normalerweise Nachtflugverbot herrscht. Kam in dieser Situation das Gewitter gerade rechtzeitig, um einen Grund zu haben, nach München auszuweichen, wo man sicher war, auch nach 22:00 Uhr noch starten zu können? Auszuschließen ist das nicht.

Nach Auskunft des Deutschen Wetterdienstes war in Memmingen von 20:50 bis 21:50 Uhr ein Gewitter, allerdings ein eher harmloses im Vergleich zum Orkan des Vortages. Um 20:58 Uhr, als in Memmingen für den Kutaissi-Flug gerade angekündigt wurde „Boarding now“, drehte die Maschine allerdings um nach München, obwohl sie sich wenige Minuten vor Memmingen und bereits im Anflug auf den Allgäu Airport befand. Das Boarding wurde sofort um 45 Minuten verschoben, der Abflug auf 22:00 Uhr. Warum eigentlich diese offensichtliche Fehlinformation, wenn der Pilot sich für eine Landung in München entschieden hatte und damit klar war, dass in Memmingen an diesem Abend nichts mehr ging, zumindest nichts mehr nach Kutaissi? Eine der Fragen, auf die man vermutlich nie eine Antwort bekommen wird. Eine halbe Stunde später, um 21:27 Uhr landete die WIZZ Air Maschine dann in München, wo sie zwei Stunden später ohne Passagiere nach Kutaissi startete, um dort frühmorgens und damit rechtzeitig für den Flugplan des nächsten Tages zu landen.

Hätte es die Verspätung von Larnaca nicht gegeben, hätte WIZZ Air – wie übrigens eine Ryanair-Maschine aus Porto – etwa um 20:25 Uhr landen können und damit noch vor dem Gewitter. Nur der Start hätte sich dann etwas verzögert. Eine andere Ryanair Maschine, die aus Palma di Mallorca kommend, landete kurze Zeit später, um 21:43 Uhr in Memmingen, sie hatte während des Gewitters ein paar Ehrenrunden gedreht, um dann später noch aus Memmingen zu starten. Die Münchner Luftfahrtberatungszentrale des Deutschen Wetterdienstes hat auf KaPost-Anfrage die Wettersituation am Samstag Abend über Memmingen wie folgt beurteilt: „Aus den unten gelieferten Daten können Sie ersehen, dass dieses Gewitter am Samstag höchstens kurzzeitig eine Landung verhindert hätte.“ Warum der WIZZ Air Pilot sich nicht ähnlich verhielt wie sein Kollege von Ryanair, hat in Memmingen auch vom fachkundigen Personal des Flughafens niemand verstanden. Denn um 22:45 Uhr startete Ryanair trotz Nachtflugverbots. In solchen Fällen, so die Auskunft am Memminger Flughafen, würden durchaus auch Ausnahmen genehmigt. Die WiZZ Air stand zu dieser Zeit noch in München, wo sie erst eine dreiviertel Stunde später startete….

Ein früherer Phantom-Pilot der Bundeswehr, der in Memmingen  stationiert war und den Flughafen samt Wetterbedingungen kennt, hat für die KaPost die Daten des Deutschen Wetterdienstes analysiert. Sein Fazit (im Detail nachzulesen auf KaPost-online): „Also, ich muss sagen, so schlimm war das Wetter zwischen 20.50 Uhr und 21.50 Uhr am 19.08. nicht in Memmingen, als dass man dort nicht hätte landen können, zumindest nach ein paar Warteschleifen. Die Winde am Platz waren schwach, die Sicht gut, die Wolkenuntergrenzen annehmbar, trotz Gewitterwolke über dem Platz.“ Eigentlich hätte dort jeder landen können, warum der WIZZ Air Pilot sich für das Ausweichmanöver München entschieden hat, war weder für den früheren Piloten noch für die Luftfahrtberatungszentrale München nachvollziehbar.

Rein rechtlich ist das alles natürlich schwer zu bewerten, vor allem, was eventuelle Entschädigungen angeht. Mit dem Hinweis auf höhere Gewalt und Unwetter ist die Airline vermutlich aus dem Schneider, egal, welche organisatorischen Mängel und Fehlentscheidungen man ihr in einem Gerichtsverfahren eventuell wird nachweisen können. Nach allen Auskünften von Betroffenen früherer Flug-Stornierungen, die der Redaktion vorliegen, kann jeweils von einem ausgegangen werden: Null Reaktion der Airline in Sachen Schadensersatz. KaPost online wird das Thema allerdings auf alle Fälle weiter verfolgen, egal wie lange es nötig erscheint.

Klar scheint aber zu sein, dass Billig-Linien in solchen Fällen ein wichtiges Wort guter Kundenbeziehungen vergessen haben, das Zauberwort von der Kulanz. Mehr als ein Umbuchen auf andere WIZZ Air Flüge und Flughäfen – u.a. Dortmund, Berlin, Mailand – war anscheinend nicht drin. Der Transfer dorthin oder eventuelle Übernachtungskosten, von Entschädigungen für geschäftliche Verluste durch den Ausfall von drei Arbeitstagen in Georgien ganz zu schweigen – all dies scheint, soweit bis jetzt zu bilanzieren ist, nicht zum Instrumentarium von WIZZ Air zu gehören. Bleibt daher die Erkenntnis, die auf alle Fälle zu verbreiten wäre: Im Zweifelsfalle zahlen ein paar wenige Kunden drauf, damit auf Dauer für Millionen Menschen Billigtarife und für die Aktionäre die entsprechenden Dividenden gehalten werden können. Das gehört wohl zu den Gesetzen dieses gnadenlos harten Geschäfts. Wer billig bucht, sollte dieses Risiko kennen oder von vorneherein einen guten Anwalt in der Hinterhand haben. Denn das Informationspapier der Airline, dass den gestrandeten Passagieren ausgehändigt wurde, führt zwar alle einschlägigen Entschädigungen nach EU-Recht auf, allerdings mit der Klausel: „Bitte beachten Sie, dass wir nicht verpflichtet sind, die Entschädigung zu zahlen, wenn die Streichung durch unvermeidbare, außergewöhnliche Umstände erfolgt ist, gegen die alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden.“ Ob sich irgendeiner der Betroffenen der Mühe unterzieht, in einem möglicherweise jahrelangen Gerichtsverfahren der Airline nachzuweisen, dass sie nicht alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen hat, die Flugstornierung zu vermeiden, dürfte fraglich sein. Und damit scheint WIZZ Air auch zu rechnen.

Die Begleitumstände der Absage und die weitere Betreuung der ratlosen Passagiere auf dem Flughafen Memmingen muss aber jetzt schon hinreichend bewertet werden. In Memmingen ist kein offizieller Vertreter der Fluglinie, obwohl auf dem Informationspapier steht, man könne sich mit dem WIZZ Air Verkaufsschalter am Flughafen in Verbindung setzen. Einen solchen sucht man in Memmingen vergebens. „Fokus auf Kundenservice“, wie von boerse-online.de den potentiellen Anlegern versprochen, sieht anders aus. Keine wirklich kompetente Auskunft durch das Personal des Flughafens und seiner Dienstleister, wenngleich sich dieses – in Kooperation mit der Polizei – sichtbar um die gestrandeten Passagiere bemühte, vor allem darum, die Lage zu beruhigen. Keine Anstalten, den Menschen – darunter Familien mit kleinen Kindern – in irgendeiner Weise entgegen zu kommen. Familien, die zumindest teilweise kein Bargeld mehr hatten oder recht wenig. Oder welchen Rechtsrat bekamen die, deren Aufenthaltsfrist in Deutschland um Mitternacht abgelaufen war? Oder wer kümmert sich um das 16-jährige Aux-pair-Mädchen, das die letzten Euros ausgegeben hatte, um ein paar Geschenke für die Familie einzukaufen? So banal fühlen sich die Geschichten an, die sich in dieser Nacht in Memmingen abspielten.

Den Airliner kümmerte das alles nichts. Irgendeine soziale Betreuungsstelle im Flughafen oder in dessen Umgebung ist im Tarif für Billigflieger wohl nicht enthalten. Nicht einmal eine Scheibe Fleischkäse mit Brezel – süddeutsche Spezialitäten und wohlfeile Werbung für Bayern und das Allgäu – gab es für die Nacht oder eine Flasche Mineralwasser, dafür aber die Bemerkung, das Wasser in den Sanitär-Anlagen des Flughafens habe Trinkwasser-Qualität. Wie gesagt, das Personal am Memminger Flughafen hat sich nach Kräften bemüht, die Situation zu entspannen, man brachte für einige Menschen sogar Feldbetten und lies andere auf Tischen und Bänken in der Flughafen-Halle eine Nacht campieren. Normalerweise schließt der Flughafen um 22:00 Uhr, ein Recht auf das Nachtquartier, so erbärmlich es auch war, gibt es nicht. Dafür wurden die Menschen am nächsten Morgen mehr oder weniger elegant aus dem Flughafen hinauskomplimentiert, nachdem einige von ihnen ihren Unmut über das Verhalten des Airliners deutlich artikuliert und dessen Abfertigungsschalter für einen anderen Flug kurzzeitig blockiert hatten. Rechtlich nicht zulässig, vielleicht aber verständlich? Was aus diesen Menschen nach dem zwangsweisen Verlassen des Flughafengebäudes geschah, wie sie nach Kutaissi kamen und wann – wen interessierte das am Memminger Flughafen? Die Airline am wenigsten.
Wenngleich der Flughafen und sein Management nicht direkt verantwortlich sind für das Verhalten der Airline, können sie sich nicht komplett aus der Lösung solcher Probleme heraushalten. Zum einen sind sie mit Dumping-Flughafen-Gebühren Teil des Geschäftsmodells Billig-Flieger. Dabei ist auch zu beachten, dass WIZZ Air in Memmingen für rund 40 Prozent der Auslastung sorgt, in Kutaissi gar für 70 Prozent. Wer will (und kann) es sich mit einem solchen Groß-Kunden verderben, trotz dessen fragwürdigen Verhaltens?

Trotzdem: Der enorme Imageschaden dieser Nacht trifft nicht nur die Airline, sie trifft auch den Flughafen. Zu viele Wiederholungen wird man sich kaum leisten können, das zeigen die vielen Reaktionen, die KaPost-online auf seine Berichterstattung erhalten hat. Dass aber bei einer Million Fluggäste im Jahr der Flughafen und seine Fluggesellschaften nicht den lächerlichen Betrag von 0,10 Euro pro Passagier in einen Notfallfond einlegen können, mit dem dann ein oder zweimal im Monat rund 200 Menschen für den Ausfall ihres Fluges wenigstens einigermaßen großzügig und würdig behandelt werden können, ist unverständlich. Zu einem guten Börsenkurs gehört nicht nur ein guter Gewinn, es gehört – zumindest langfristig – auch ein positives Image dazu. Und da gibt es bei der Börsen-Steigflug Airline WIZZ Air anscheinend noch viel Luft nach oben.

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