{"id":984,"date":"2012-07-20T10:26:25","date_gmt":"2012-07-20T08:26:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=984"},"modified":"2012-07-20T10:26:25","modified_gmt":"2012-07-20T08:26:25","slug":"stefan-tolz-und-der-georgische-saftladen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=984","title":{"rendered":"Stefan Tolz und der georgische Saftladen"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=985\" rel=\"attachment wp-att-985\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-985\" title=\"2012_07_stefan tolz_IMGP5422\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_stefan-tolz_IMGP5422.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"285\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_stefan-tolz_IMGP5422.jpg 425w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_stefan-tolz_IMGP5422-150x100.jpg 150w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_stefan-tolz_IMGP5422-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a>Im Gespr\u00e4ch mit dem deutschen Filmregisseur und Produzenten\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Von Rainer Kaufmann<\/p>\n<p>Er hat einen der sch\u00f6nsten Filme gedreht, die es \u00fcber den Kaukasus gibt: <em>Am\u00a0Rande der Zeit \u2013 M\u00e4nnerwelten im Kaukasus<\/em>. Die Rede ist von Stefan Tolz, dem deutschen Filmproduzenten und Regisseur, einem Urgestein der postsowjetischen deutsch-gorgischen Szene. Denn seit 1990, noch bevor die UdSSR aufh\u00f6rte zu existieren, ist der heute 46-j\u00e4hrige in\u00a0 Georgien irgendwie zu Hause. Damals kam der M\u00fcnchner Filmstudent, 24 Jahre jung war er, nach Tiflis, um an der Kino-Fakult\u00e4t des Staatlichen Georgischen Theaterinstituts ein Gaststudium zu absolvieren. In den H\u00f6rs\u00e4len allerdings hielt er sich nur selten auf, seine Georgisch-Kenntnisse waren noch nicht ausreichend. Umso mehr hielt er sich in den Studios der gro\u00dfen georgischen Regisseure auf, bei Eldar Schengelaia etwa oder bei Tengis Abuladse. Von ihnen hat er viel gelernt. Und von den unz\u00e4hligen georgischen Streifen in Schwarz und Wei\u00df, die er sich in eiskalten Kinos\u00e4len angesehen hat.<\/p>\n<p>Heute spricht er perfekt Georgisch und hat sich nach einigen Jahren in anderen Teilen der Welt seit 2007 wieder in Tiflis niedergelassen. Dazwischen war er Gaststudent am Film Department der New York University und an der Pekinger Filmakademie. Von 1993 bis 1999 arbeitete er als freier Autor, Regisseur und Produzent zun\u00e4chst in K\u00f6ln f\u00fcr verschiedene \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehsender, danach in M\u00fcnchen. Seit 1998 erhielt Tolz auch verschiedene Lehrauftr\u00e4ge f\u00fcr Dokumentarfilm in Deutschland und \u00d6sterreich. 2002 gr\u00fcndete er gemeinsam mit Thomas Riedelsheimer und Thomas Wartmann eine Filmproduktion in M\u00fcnchen, seit 2004 auch mit einer Niederlassung in K\u00f6ln, filmpunkt hei\u00dft die Firma heute.<\/p>\n<p>Lange Zeit hatte er sich eher in Richtung Kalifornien orientiert, der Liebe wegen, und sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, jemals wieder f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit seine Zelte in Georgien aufzuschlagen, obwohl er regelm\u00e4\u00dfig seine alten Freunde im Kaukasus besuchte. Als die Beziehung nach Kalifornien erkaltet war, machte sich Stefan Tolz auf die Suche nach einer neuen Zweit-Heimat. F\u00fcr S\u00fcdfrankreich hatte er sich schon fast entschieden, als er dann doch wieder zu einem Besuch nach Georgien kam. \u201eDa habe ich ein Georgien vorgefunden, wie ich es noch nie erlebt habe.\u201c Waren es fr\u00fcher vor allem die Abgeschiedenheit der Bergd\u00f6rfer, die ihn angezogen hatten, war er pl\u00f6tzlich \u00fcberrascht, dass Tiflis nicht mehr so abgeschnitten war von der Welt wie fr\u00fcher. \u201eIch konnte in einem Cafe sitzen, einen Cappuccino trinken und hatte \u00fcber den Laptop Kontakt zur Au\u00dfenwelt.\u201c F\u00fcr den Filmemacher, der in Georgien alle schweren Zeiten ohne Strom und ohne Kommunikation miterlebt hat, die Zeiten des B\u00fcrgerkriegs und der danach folgenden Herrschaft von Warlords, war dies ein Quantensprung in Lebensqualit\u00e4t. Alte Freunde, mit denen er zu Studienzeiten seinen ersten Film in Georgien, <em>Das Kaukasische Gastmahl<\/em>, produziert hatte, boten ihm eine Wohnung zum Kauf an. S\u00fcdfrankreich war vergessen. Stefan Tolz war wieder bei denen angekommen, mit denen seine Karriere angefangen hat. Mittlerweile ist er mit einer Georgierin verheiratet, keltert, wie es sich hierzulande geh\u00f6rt, seinen eigenen Wein, f\u00e4hrt einen wundersch\u00f6nen alten Wolga und betreibt ein kleines G\u00e4stehaus in Tiflis.<\/p>\n<p>Diesen Film-Erstling, vorfinanziert durch journalistische TV-Beitr\u00e4ge \u00fcber Georgien, hat er bewusst mit alter sowjetischer Ausr\u00fcstung produziert. Es ging ihm um Authentizit\u00e4t auch in der Technik. Ein Tamada stellt mit seinen Trinkspr\u00fcchen die G\u00e4ste einer georgischen Tafel vor, die sich nicht kennen, und die dann in Kurzbeitr\u00e4gen portraitiert werden. Eine erste Ann\u00e4herung an die Innenwelt Georgiens. Den selbst produzierten Film zeigte der junge Regisseur dem SWF-Redakteur Ebbo Demant in Baden-Baden, der ihn sofort aufkaufte und in ARD und auf ARTE zeigte. Das war der Durchbruch f\u00fcr Stefan Tolz, mehrere Jahre produzierte er f\u00fcr deutsche TV-Anstalten vor allem Dokumentarfilme.<\/p>\n<p>Der mehrfach preisgekr\u00f6nte Film <em>Am Rande der Zeit \u2013 M\u00e4nnerwelten im Kaukasus<\/em> (u.a. \u00a0Golden Gate Award beim San Francisco Filmfestival und eine Nominierung zum Grimme Preis) folgte einige Jahre sp\u00e4ter, nachdem er f\u00fcr den Fritz-Pleitgen-Dreiteiler <em>Durch den wilden Kaukasus <\/em>die Regie gef\u00fchrt hatte. Zu seinem eigenen Kaukasus-Film, der sich weniger den wilden Klischee-Facetten dieser Region widmete, f\u00fchrte ihn die einfache Frage, in welcher Region man denn anl\u00e4sslich des Jahrtausendwechsels noch Menschen finden konnte, die in einer v\u00f6llig anderen Zeit leben als wir, in einer zeitlosen Zeit. Er fand sie in Swanetien, in einem Altenheim in Adscharien, auf einer Bohrinsel in Baku und in einer Koranschule in Daghestan. Ein wirklich zeitloser Film \u00fcber Menschen und ihre Wertvorstellungen. Ein zeitlos g\u00fcltiger Film \u00fcber den Kaukasus.<\/p>\n<p>Derzeit bereitet Stefan Tolz ein neues Filmprojekt in Georgien vor, einen Spielfilm. Die Idee ist zehn Jahre alt, zusammen mit Lascha Bagradse, dem heutigen Leiter des Literaturmuseums, hat er schon im Jahr 2002 das Grundger\u00fcst f\u00fcr Drehbuch und Handlung erarbeitet. Zwischenzeitlich lag das Projekt auf Eis. Es geht vordergr\u00fcndig wieder um eine typisch georgische Geschichte, die Geschichte von Mitrophane Lagidze und seinen Limonaden.<\/p>\n<p>Georgien-Veteranen erinnern sich wehm\u00fctig an das mit Marmor verkleidete und herrlich dekorierte Saftgesch\u00e4ft auf dem Rustaweli, in dem Soda-Wasser mit selbst erzeugten Saftkonzentraten, die auf einem Drehgestell in gro\u00dfen Glasamphoren bereit gehalten wurden, vermischt wurde. Ein Spritzer Essenz, das Wasser kam aus einem Hahn, verr\u00fchrt wurde es von den Verk\u00e4uferinnen mit einem Kaffel\u00f6ffel. Es gab Fruchtkonzentrate, Kr\u00e4uteressenzen (himmlisch s\u00fcss und herb zugleich: Darchuna), auch eine Schokoladen-Variante. Lagidze war Kult f\u00fcr Generationen von Tiflisern und ihren G\u00e4sten. Die marmorne Trinkhalle musste in den letzten Jahren einer 0\/8-15-Boutique weichen. Leider.<\/p>\n<p>1887 hatte der Apothekerlehrling Mitrophane Lagidze damit begonnen, S\u00e4fte aus Naturextrakten herzustellen, ohne k\u00fcnstliche Aromen und Zuckerzus\u00e4tze, die in dem legend\u00e4ren Kultlokal am Rustaweli verkauft wurden. Eine Erfolgsgeschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts musste bereits in einer Fabrik produziert und in Flaschen abgef\u00fcllt werden, in den 30-er Jahren wurden Trinkhallen an den Badeorten des Schwarzen Meers er\u00f6ffnet und 1952 wurden 40 Prozent der in der UdSSR verkauften Limonaden nach den Rezepten Lagidzes hergestellt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Einmarsch weltweit bekannter Softdrinkmarken auch in Georgien wurde es f\u00fcr die Erben des traditionellen Limonadeherstellers aus Tiflis \u00a0immer schwerer, der globalen Konkurrenz zu trotzen. Die Globalisierung ging mitleidlos \u00fcber Traditionen und Kulte hinweg und Lagidzes Enkel ist heute Vizedirektor in der georgischen Dependance einer weltweit operierenden, amerikanischen Softdrink-Marke\u2026.<\/p>\n<p>Das Drehbuch, geschrieben vom Irakli Solomonaschwili und Ana Kordzaia, ist aber vielschichtiger angelegt. Es erz\u00e4hlt, ganz in der Tradition des georgischen Films, die Geschichte Georgiens w\u00e4hrend der Sowjetzeit. Der Makrokosmos einer ganzen Epoche im Mikrokosmos eines Tifliser Saftladens, in dessen Labor alle m\u00f6glichen Essenzen hergestellt werden. Essenzen, die der Sowjetarmee den Sieg brachten; Essenzen, die einen Geheimdienstchef gl\u00fccklich machten; Essenzen, die die Eroberung des Weltalls erst erm\u00f6glichten, den Wiederaufbau der UdSSR nach dem zweiten Weltkrieg und ihren Niedergang; Essenzen, die am Ende die ganze Menschheit h\u00e4tte gl\u00fccklich machen k\u00f6nnen, wenn, ja wenn nicht das System sich das Recht vorbehalten h\u00e4tte, die Menschheit alleine begl\u00fccken zu d\u00fcrfen. Der Tifliser Saftladen als Nabel der Weltgeschichte. Dabei geht es dem Saftmischer in Stefan Tolzens Filmprojekt von Anfang nur darum, eine verungl\u00fcckte Liebe wieder zu beleben, was ihm im hohen Alter \u2013 die Sowjetunion ist l\u00e4ngst zerfallen \u2013 dann doch noch gelingt.<\/p>\n<p>Eine schrille Parabel soll es werden ganz im Stil der georgischen Tragik-Kom\u00f6dien \u00fcber die niemals endende Suche der Menschheit nach Gl\u00fcck. Und dabei will Stefan Tolz mit seinen georgischen Partnern ganz nebenbei ein Bild von Georgien und seinen Menschen zeichnen, deren Charme und tiefgr\u00fcndiger Mutterwitz ihm dieses Land endg\u00fcltig zur zweiten Heimat gemacht haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr\u00e4ch mit dem deutschen Filmregisseur und Produzenten\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Von Rainer Kaufmann Er hat einen der sch\u00f6nsten Filme gedreht, die es \u00fcber den Kaukasus gibt: Am\u00a0Rande der Zeit \u2013 M\u00e4nnerwelten im Kaukasus. 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