{"id":969,"date":"2012-07-18T09:56:03","date_gmt":"2012-07-18T07:56:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=969"},"modified":"2012-07-18T09:56:03","modified_gmt":"2012-07-18T07:56:03","slug":"das-bistro-mercedes-in-eriwan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=969","title":{"rendered":"Das Bistro Mercedes in Eriwan"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=970\" rel=\"attachment wp-att-970\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-970\" title=\"2012_07_bistro-mercedes_IMG_3198\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3198-297x300.jpg\" alt=\"\" width=\"297\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3198-297x300.jpg 297w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3198-148x150.jpg 148w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3198.jpg 425w\" sizes=\"(max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/><\/a>Oder: Das Ende eines Ausflugs\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong>von Rainer Kaufmann\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Der Augenblick war da: Mitten im zentral-armenischen Hochland kurz vor Areni verweigert der Motor jeglichen Dienst, er war hei\u00df geworden, zu hei\u00df, warum auch immer. Motoren sind manchmal eigen, schon gar etwas \u00e4ltere. Der Ausflug, der noch \u00fcber den Selimpass zum Sewansee und dann zu den Alaverdi-Kl\u00f6stern f\u00fchren sollte, war somit zu Ende. Warten an einer Tankstelle auf den Evakuator, so nennt man hierzulande ein Abschleppfahrzeug. Ein Freund einer Gesch\u00e4ftspartnerin in Eriwan, Armen hei\u00dft er, hat ihn organisiert.<\/p>\n<p>Nach vier Stunden war er dann da. Ein alter, klappriger Mercedes, der mehr als nur ein Abenteuer versprach. Die Seilwinde konnte den Wagen kaum hochziehen, zum Gl\u00fcck hat der in der Zwischenzeit abgek\u00fchlte Motor meines Autos wenigstens noch diese Leistung erbracht. Die T\u00fcren im Fahrerhaus klemmten, die Sicherungsgurte, mit denen das Auto fixiert wurde, waren mehrfach verknotet, sie waren also schon mehrfach gerissen. Bis Eriwan sollten sie schon halten, gewiss war das aber nicht. Der Fahrer, er sprach nur russisch oder armenisch, was die Kommunikation nicht gerade erleichterte, meisterte die Steilabfahrten statt mit der Motorbremse mit dem Bremspedal, was regelm\u00e4\u00dfig einen Minuten anhaltenden, \u00e4tzenden Asbestgeruch ausl\u00f6ste. Bei Anstiegen keuchte das fr\u00fchere deutsche Qualit\u00e4tsprodukt nur m\u00fchsam die Berge hinauf. Nach etwas mehr als einer Stunde war Eriwan erreicht. Es war 18.00 Uhr am Abend und dr\u00fcckend hei\u00df.<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner wurden herbeitelefoniert, die sich den Havaristen genauer anschauten. Eine halbe Stunde Diskussion auf armenisch, keinen Schimmer, was da alles verhandelt wurde. Ich wurde nicht eingeweiht, nicht gefragt. Erst ein Telefonat bei Armen brachte Klarheit: Der Motor, ein Turbodiesel kann repariert werden, sagen die besten Diesel-Spezialisten der Stadt, aber die Ersatzteile\u2026. Das kann Wochen dauern. Die Zollpapiere sind nur f\u00fcr zehn Tage ausgestellt. Die Entscheidung war schnell getroffen: Der Evakuator muss weiter fahren bis nach Tiflis, des Abenteuers zweite Etappe stand an. Am besten sofort, am Abend noch. In der Nacht ist der Verkehr \u00fcberschaubar, das Fehlen einer Klimaanlage im F\u00fchrerhaus verkraftbar.<\/p>\n<p>Armen, der neue Freund im Handy-Hintergrund, kam und organisierte. Der Evakuator fuhr in einen gro\u00dfen Werkstatthof, Schrottwagen standen herum, Bauschutt lag da, eine einzige Werkstatt war noch ge\u00f6ffnet, die von Simon, dem Besitzer des Evakuators. Wieder langes Gespr\u00e4ch unter allen Anwesenden. Jeder hat eine Meinung beizusteuern. Dann erst einmal ein armenischer Kaffee im Mercedes Bistro. Richtig, im Mercedes Bistro. An der rechten Wand der typisch kaukasischen Werkstatt, wie es sie wohl in einigen Jahren nicht mehr geben wird, eine Bank, ein paar Hocker, ein Tisch mit einer samtenen Tischdecke und \u00fcber all dem ein selbst gemachtes Transparent: eine dampfende Kaffeetasse mit der Inschrift Bistro und dem Mercedes-Stern. Das Bistro sollte noch f\u00fcr Stunden mein Aufenthaltsort sein, von wegen sofort starten.<\/p>\n<p>In der Werkstatt bastelt Simon mit seinen Mannen an einem neuen Evakuator. Ein Ford Transit, ausgenommen bis auf die Karosse, wird zur neuen Nutzung umgebaut. Fr\u00fcher war es ein Kastenwagen. In zwei Monaten sei er fertig, verspricht Simon. Dann hat er drei Evakuatoren, das Gesch\u00e4ft scheint zu bl\u00fchen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich kommen Freunde. Ein smarter Enddrei\u00dfiger mit heller Hose und hellen Schuhen, die Sonnenbrille auf dem sch\u00fctteren Haupthaar und seine drei S\u00f6hne. Sie bringen zwei Plastikt\u00fcten mit, ihr Inhalt: riesige Lawasch-Brote gef\u00fcllt mit Kebab und einem gegrillten Huhn. Dazu Cola, Fanta und Wodka. In bestem Englisch erkl\u00e4rt mir der \u00e4lteste der Jungs, man h\u00e4tte heute etwas zu feiern. Sein Vater, Aschot hei\u00dft er und besitzt zwei LKW`s und ebenfalls zwei Evakuatoren, habe sich ein neues Auto gekauft, einen schwarzen Mercedes-Gel\u00e4ndewagen, ein mehr als nur gediegenes Fahrzeug. Auf diesen neuen Mercedes wird angesto\u00dfen im Mercedes-Bistro. Was blieb anderes \u00fcbrig, als mitzumachen, dem Mann und seinen S\u00f6hnen zum neuen Stern aus Zuffenhausen zu gratulieren und klammheimlich an die Zylinderkopfdichtung meines Allraders zu denken, der mich so j\u00e4mmerlich im Stich gelassen hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=972\" rel=\"attachment wp-att-972\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-972\" title=\"2012_07_bistro-mercedes_IMG_3213\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3213.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"182\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3213.jpg 227w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3213-150x120.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eine attraktive junge Frau kommt dazu, setzt sich an die Seite von Chatzik, das ist die Mechaniker-Allzweckwaffe von Simon, die Tafel kommt richtig in Fahrt, die elegant Gekleidete hat mit ihren Erz\u00e4hlungen die Tafel schnell im Griff. Simon, der bereits erkl\u00e4rt hatte, mich sp\u00e4ter nach Tiflis transportieren zu wollen, nippt zu meiner Beruhigung nur ganz vorsichtig an dem Wodka, und verschwindet. Weit mehr als zwei Stunden dauert die Tafel.<\/p>\n<p>Die zwei Stunden waren gut investiert, nicht nur wegen des Wodkas und des wirklich guten Kebabs. Vor der Halle mit dem Mercdes-Bistro machten sich gleich vier Mann an dem alten Evakuator zu schaffen. Reifen-Muttern wurden nachgezogen, irgendwelche Verkabelungen frisch verl\u00f6tet, Lampen ausgetauscht, die Signalanlage \u00fcberpr\u00fcft. Zus\u00e4tzliche Spanngurte wurden rangeschafft, um die Fracht des alten Evakuators f\u00fcr den \u00dcberlandtransfer noch viel besser zu fixieren als f\u00fcr die kurze Gebirgsstrecke in Armenien. Und: Das ganze Fahrzeug wurde gewaschen, es gl\u00e4nzte richtig f\u00fcr die gro\u00dfe Fahrt. Im Bistro wurde noch immer auf den neuen Mercedes von Aschot angesto\u00dfen, die zweite Flasche Wodka.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=971\" rel=\"attachment wp-att-971\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-971\" title=\"2012_07_bistro-mercdes_IMG_3201\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercdes_IMG_3201.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"170\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercdes_IMG_3201.jpg 227w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercdes_IMG_3201-150x112.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als zu vermuten war, die Fahrt nach Tiflis k\u00f6nnte endlich losgehen, verabschiedete sich Simon erst einmal, er wollte zu Hause noch schnell duschen. Also noch eine Stunde warten im Bistro, bis er schlie\u00dflich kam, frisch rasiert und parfumiert. Und dann noch einmal: ein armenischer Kaffee, bevor es losging, allerdings erst nach einer langen Verabschiedung von Simons Freunden und Kollegen. Ich soll unbedingt wiederkommen, den neuen Evakuator bewundern und die neue Werkstatt, in die man in einem Monat umziehen wird. Das Mercedes-Bistro zieht mit um.<\/p>\n<p>Es war 23.30 Uhr, als wir dann losfuhren. Die alte Kr\u00fccke vom Inlandtransport entpuppte sich pl\u00f6tzlich als antriebsstarker Lastesel, irgendwie m\u00fcssen Simon und seine Mannen dem Evakuator eine Art Frischzellenkur verabreicht haben, w\u00e4hrend ich auf den neuen Mercedes von Aschot trinken durfte. Simon spricht ein wenig Englisch und recht gut franz\u00f6sisch.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=973\" rel=\"attachment wp-att-973\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-973\" title=\"2012_07_bistro-mercedes_IMG_3255\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3255.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"170\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3255.jpg 227w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/2012_07_bistro-mercedes_IMG_3255-150x112.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sechs Jahre war er in Belgien und hat dort das Automechaniker-Handwerk gelernt. Als er zur\u00fcck kam nach Armenien, erkl\u00e4rt er, war er der einzige im Land, der vom Gesch\u00e4ft mit dem Evakuator etwas verstand. Und da zur selben Zeit ein neues Gesetz heraus kam, das Abschleppen mit Abschleppseilen verbot, hat er als erster in Eriwan einen Evakuator gebaut. Seither ist er im Gesch\u00e4ft. Nur noch einen Kilometer d\u00fcrfe man mit einem Privatwagen ein havariertes Fahrzeug abschleppen, erkl\u00e4rt er, danach kostet es 20.000 Dram Strafe. Eine gute Regelung, die Sache mit den Evakuatoren, denn an einem Abschleppseil h\u00e4tte ich die Strecke von Eriwan nach Tiflis nun wirklich nicht zur\u00fccklegen wollen. Der Preis, soweit das von Interesse ist, war \u00fcbrigens durchaus passabel, schon gar, wenn man die \u00fcppige Bewirtung im Bistro Mercedes einbezieht und die Tatsache, neue Freunde in Armenien gefunden zu haben, auf die ich mich auch in Zukunft verlassen kann. Bleibt nur die Frage, wie lange es in Tiflis dauert, eine Zylinderkopfdichtung aufzutreiben.\u00a0 (Die Antwort geben wir in K\u00fcrze mit einem Foto-Bericht \u00fcber eine besondere Rundreise: Die wildesten P\u00e4sse das Kaukasus.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Das Ende eines Ausflugs\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 von Rainer Kaufmann\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Augenblick war da: Mitten im zentral-armenischen Hochland kurz vor Areni verweigert der Motor jeglichen Dienst, er war hei\u00df geworden, zu hei\u00df, warum auch immer. 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