{"id":925,"date":"2012-06-16T08:32:16","date_gmt":"2012-06-16T06:32:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=925"},"modified":"2012-06-16T08:32:16","modified_gmt":"2012-06-16T06:32:16","slug":"%e2%80%9edas-ist-keine-architektur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=925","title":{"rendered":"\u201eDas ist keine Architektur\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=926\" rel=\"attachment wp-att-926\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-926\" title=\"Kitscharchitekrur in der Aghmaschenebeli\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/juni_maia-mania-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"203\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/juni_maia-mania-300x203.jpg 300w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/juni_maia-mania-150x101.jpg 150w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/juni_maia-mania.jpg 425w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Vortrag der Denkmalsch\u00fctzerin Maia Mania zum Umgang mit dem Architekurerbe der Stadt\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Daniel Nitsch<\/strong><\/p>\n<p>Das deutsche Architekturerbe von Tiflis ist zwischen die Fronten der kommerziellen und historisch sensiblen Stadterneuerung in Tiflis geraten. Im Rahmen der deutschen Woche pr\u00e4sentierte Maia Mania ausf\u00fchrlich ihre Forschungsergebnisse bei einem Vortrag im Goethe-Institut. Auf zahlreichen \u2013 auch historischen \u2013 Bildern wurde erstmals ein gro\u00dfer Teil des noch bestehenden Erbes gezeigt und die Aktivit\u00e4ten der Stadt bez\u00fcglich Revitalisierung der historischen Stadtviertel kritisch betrachtet. Maia Manias gr\u00f6\u00dfter Kritikpunkt ist, dass die Altstadtsanierung bisher planlos vor sich geht. Eine wissenschaftliche Auflistung sch\u00fctzenswerter historischer \u2013 aber auch moderner \u2013 Baudenkm\u00e4ler ist bisher noch nicht erfolgt. Dadurch sind besonders jene Baudenkm\u00e4ler in Gefahr, wo Investoren sich besonders viel Profit erwarten. Viele sch\u00fctzenswerte Geb\u00e4ude wurden bereits abgerissen oder zumindest komplett kaputt renoviert. Dies betrifft nicht nur die zahlreichen Geb\u00e4ude der deutschen Siedler, sondern speziell die alten Stadtviertel mit niedrigen Geb\u00e4uden, wo ein gro\u00dfes Verdichtungspotential besteht und zahlreiche Geb\u00e4ude aufgrund der langen Vernachl\u00e4ssigung besonders marode sind.<\/p>\n<p>Die deutsche Geschichte in Tiflis beginnt 1844 mit der Gr\u00fcndung der Tifliser Kolonie, eine neue Siedlung entlang der heutigen Aghmaschenebeli-Stra\u00dfe. Eine zweite Siedlung (Alexanderdorf) wurde einige Jahre sp\u00e4ter im Bereich des heutigen Didube angelegt. Die Geb\u00e4ude aus der Anfangszeit waren noch typische mitteleurop\u00e4ische H\u00f6fe mit Wohn- und Wirtschaftsteil sowie einem gro\u00dfen Garten, der zum Obst- und Gem\u00fcsebau verwendet wurde. Zahlreiche Geb\u00e4ude k\u00f6nnen auch heute noch von Architekturlaien unschwer als \u201edeutsch\u201c erkannt werden. Merkmale dieser fr\u00fchen Bauwerke sind beispielsweise die markanten Giebeld\u00e4cher sowie die damals in Europa sehr beliebten Gestaltungselemente des Neobarock und Klassizismus. Im Gegensatz zu den Geb\u00e4uden in den anderen bedeutenden Kolonien wie Katharinenfeld (Bolnissi) und Eilsabethtal (Assureti), wo die deutschen H\u00e4user gro\u00dfteils Fachwerkskonstruktionen sind, wurden die Tifliser Geb\u00e4ude fast ausschlie\u00dflich aus Ziegelmauern errichtet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurden bei den deutschen H\u00e4usern immer mehr regionale Gestaltungselemente \u00fcbernommen, wie beispielsweise die pr\u00e4chtigen georgischen Holzbalkone. Gleichzeitig haben jedoch auch die deutschen Gestaltungselemente bei georgischen H\u00e4usern in anderen Stadtteilen Einzug gehalten. Mit fortschreitender Verst\u00e4dterung wurde die Landwirtschaft aus der Vorstadt verdr\u00e4ngt und die hinteren Teile der Parzelle ebenfalls verbaut, es entstanden die so genannten \u201eItalienischen H\u00f6fe\u201c (Italiuri Esebi), die bis heute die Stadt in gro\u00dfen Teilen pr\u00e4gen und in den deutschen Siedlungen ihren Ursprung hatten.<\/p>\n<p>Ab 1850 erlebte Tiflis ein starkes Wachstum, bedingt durch die Industrialisierung aber auch dadurch, dass Tiflis die Hauptstadt des gesamten Transkaukasischen Gebietes im Russischen Reich war. In dieser Zeit haben zahlreiche europ\u00e4ische Architekten in Tiflis gebaut und verschiedene Stilrichtungen aus Europa nach Georgien gebracht. Deutsche Architekten haben in dieser Periode quantitativ deutlich mehr das Erscheinungsbild der Stadt gepr\u00e4gt als beispielsweise italienische, russische oder polnische Architekten.<\/p>\n<p>Ab der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude in der Tifliser Neustadt entlang der Rustaweli-Stra\u00dfe, bei den meisten davon waren deutsche Architekten federf\u00fchrend beteiligt. Hervorzuheben sind hier besonders drei Namen: Leopold Bielfeld (1838-1921) kam 1868 aus Oldenburg nach Tiflis; Otto Jacob Simonson (1826-1914) aus Dresden, ein Sch\u00fcler von Gottfried Semper, der, bevor er 1858 nach Tiflis kam, noch die Synagoge in Leipzig errichtete; sowie Albert Salzmann (1833-1897), der in Tiflis einen klassischen Architektentod starb: Er st\u00fcrzte vom Bauger\u00fcst. Diese drei Architekten haben, gemeinsam mit zahlreichen anderen deutschen Architekten, das Erscheinungsbild der Stadt bis heute nachhaltig gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Besonders auf der Rustaweli-Stra\u00dfe entstanden unter deutscher Beteiligung gegen Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Monumentalgeb\u00e4ude. Salzmann entwarf die Nationalgalerie im italienischen Stil und die Newskij-Kathedrale im byzantinischen Stil, an deren Stelle heute das Parlament steht. Bielfeld erbaute die Kaschweti-Kirche nebenan wurde von Bielfeld entworfen, er musste die Kathedrale von Samtawisi als Vorlage verwenden. Simonson war f\u00fcr die Erweiterung des Vizek\u00f6nigspalastes (heute Jugendpalast) inklusive der Innenausstattung mit damals sehr beliebten orientalischen Ornamenten sowie die Gestaltung des Alexandergartens (heute: Park des 9. April) verantwortlich. Die Oper wurde 1901 nach einem Entwurf von Viktor Schr\u00f6ter errichtet, das Alte Rathaus stammt von Paul Stern und Heinrich Karl Werner Scharrer entwarf das Erste Gymnasium.<\/p>\n<p>Weitere wichtige Geb\u00e4ude von deutschen Architekten sind noch das ehemalige Hotel London neben der Trockenen Br\u00fccke sowie das 1861 er\u00f6ffnete, damals state-of-the-art, Observatorium mit drehendem Aussichtsturm, das heute jedoch vom Abbruch bedroht ist.<\/p>\n<p>Speziell die Geb\u00e4ude an der Aghmaschenebeli-Stra\u00dfe werden nun saniert. Dies wird von der Vortragenden Maia Mania jedoch scharf kritisiert. Es ist zwar positiv, dass nach Jahrzehnten der Vernachl\u00e4ssigung endlich einmal etwas getan wird, doch die Umsetzung ist es, die kritisiert wird. Die Renovierungsarbeiten werden sowohl technisch als auch vom architektonischen bzw. kunsthistorischen Standpunkt oft mehr als fragw\u00fcrdig durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>So wurde neben das Hotel Wetzel auf der Aghmaschenebeli-Stra\u00dfe, das von Bielfeld entworfen wurde, eine gr\u00e4ssliche Kitschburg gebaut. Das Hotel war bis vor Kurzem noch eines der Wahrzeichen der Stra\u00dfe, doch diese Wirkung ging nun verloren. Einerseits wurden die Dekorationen am ehemaligen Hotel nicht stilgerecht erneuert, obwohl noch detaillierte Pl\u00e4ne vorhanden sind. Doch auch das neue Nachbargeb\u00e4ude \u201epasst nicht in Gr\u00f6\u00dfe, Proportion und Stil in die Umgebung\u201c. Auch das andere Nachbargeb\u00e4ude, ein sowjetischer Bau im brutalistischen Stil, wurde mit nicht dazupassenden Ornamenten verkitscht. Ein architektonisch hochwertiges Geb\u00e4ude, Repr\u00e4sentant einer bestimmten Epoche und eines bestimmten Baustiles, bekam Dekorelemente aus Gips und einen falschen Zwiebelturm verpasst. \u201eDie Geb\u00e4ude verlieren den Charakter, das ist keine Architektur\u201c, echauffiert sich Maia Mania. Die gesamte Stadt leidet nachhaltig darunter. \u201eFr\u00fcher haben diese Geb\u00e4ude auch auf jene Menschen eine gro\u00dfe Wirkung gehabt, die nichts von Architektur verstehen, aber heute? Wie soll man denn in dieser Umgebung Kinder gro\u00dfziehen und ihnen einen Sinn f\u00fcr Stil und \u00c4sthetik vermitteln?\u201c<\/p>\n<p>Hier w\u00e4re ihrer Meinung nach die Stadtverwaltung gefordert. \u201eWenn es nach mir ginge, und ein Investor legt mir so einen Plan vor, w\u00fcrde ich ihn nicht bauen lassen\u201c. Und wenn man aber dennoch solche Baus\u00fcnden zul\u00e4sst, ist die L\u00f6sung ihrer Meinung nach einfach: \u201eMan darf es nicht \u201aRestaurierung\u2018 nennen. Wenn man es Restaurierung nennt, dann muss es nachher so aussehen wie vorher. Aber das ist keine Restaurierung, sondern etwas anderes, ich wei\u00df nicht was!\u201c<\/p>\n<p>Auch der Nutzungsmix dieser fr\u00fchindustriellen Stadtteile mit Wohnen, Kleingewerbe und Gesch\u00e4ften, der aus europ\u00e4ischen St\u00e4dten fast vollst\u00e4ndig verschwunden ist und nun m\u00fchevoll und teuer versucht wird, wieder herzustellen, existiert in Tiflis bis heute. Durch diese Umgestaltungen besteht die Gefahr, dass auch Tiflis in monofuktionale Stadtviertel zerf\u00e4llt und somit die Fehler der Stadtplanung Europas 60 Jahre sp\u00e4ter schmerzhaft wiederholen muss. Schlafst\u00e4dte und abends ausgestorbene B\u00fcroviertel mit einer massiven Abh\u00e4ngigkeit von Automobilit\u00e4t w\u00e4ren das Resultat.<\/p>\n<p>Die politische und kommerzielle Entscheidung, wie mit dem historischen Bauerbe in Tiflis umzugehen ist, scheint inzwischen gefallen zu sein, und diese ist zu akzeptieren. Dennoch ist die Aufarbeitung der Architekturgeschichte der Stadt auf der theoretischen Ebene eine wichtige Aufgabe. Und sei es nur als historische Dokumentation. Dazu, hofft Maia Mania, habe sie einen Beitrag geleistet, mehr k\u00f6nne sie derzeit leider nicht machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maia Mania \u00e4rgert sich \u00fcber die neue Kitschburg neben dem ehem. Hotel Wetzel (im Dia rechts)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag der Denkmalsch\u00fctzerin Maia Mania zum Umgang mit dem Architekurerbe der Stadt\u00a0\u00a0\u00a0 Von Daniel Nitsch Das deutsche Architekturerbe von Tiflis ist zwischen die Fronten der kommerziellen und historisch sensiblen Stadterneuerung in Tiflis geraten. 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