{"id":923,"date":"2012-07-18T09:36:26","date_gmt":"2012-07-18T07:36:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=923"},"modified":"2012-07-18T09:37:14","modified_gmt":"2012-07-18T07:37:14","slug":"deutsche-tanten-eine-tifliser-institution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=923","title":{"rendered":"Deutsche Tanten &#8211; eine Tifliser Institution"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schokoladenrolle und Storchengang hinter dem Eisernen Vorhang\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>von Kathrin Schneider\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p>Zwischen den 1940er Jahren bis 2004 gab es in Georgien eine Anzahl kleiner, deutscher Kinderg\u00e4rten, die in der Sowjet\u00e4ra im Verborgenen arbeiteten. Mehrere Generationen georgischer Kinder aus b\u00fcrgerlichen Familien lernten hier nicht nur die deutsche Sprache, sondern wurden von ihren Erzieherinnen, den sogenannten Deutsche Tanten, im Geist der Montessori-P\u00e4dagogik unterrichtet. Betreuungsorte waren keine gro\u00dfen Bildungsanstalten mit Speisesaal und Turnhalle, sondern Privatwohnungen der Tanten oder der Kinder selbst.<br \/>\nWie entstanden diese Inseln deutscher, anthroposophisch gepr\u00e4gter Erziehungsmethoden in Mitten des Kollektivwillens der Sowjetp\u00e4dagogik?<\/p>\n<p>Am Anfang dieses Ph\u00e4nomens steht sicherlich die Pr\u00e4senz deutscher Auswanderer, die sich im 19. Jahrhundert in l\u00e4ndlichen Gegenden wie etwa Bolnisi, aber auch am Rande von Tiflis ansiedelten. Diese Auswanderer trugen wesentlich dazu bei, Deutsch in Georgien als bedeutsamste Fremdsprache nach Russisch zu verankern. Viele wohlhabendere Georgier w\u00fcnschten sich f\u00fcr die Betreuung ihrer Kinder eine deutsche Gouvernante. In der Folge gingen nicht wenige dieser Kinder nach Deutschland, um hier zu studieren. Zwischen 1918-1921, also in den Jahren der\u00a0 Unabh\u00e4ngigkeit, zahlte die georgische Regierung zus\u00e4tzlich \u00fcber 100 jungen Menschen ein Stipendium an einer deutschen Universit\u00e4t. Das dort erworbene Wissen bildete u.a. das Fundament f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Tifliser Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>In der Zeit des 2. Weltkriegs jedoch erlitt die enge Verbindung zwischen Deutschland und Georgien einen j\u00e4hen Bruch: 1941 deportierte das Sowjetregime die Georgiendeutschen nach Kasachstan und ins Wolga-Gebiet. Lediglich deutsche Frauen, die mit einem Georgier verheiratet waren, durften im Land verbleiben. Diese Frauen erkannten, dass die Nachfrage an deutschen Bildungsst\u00e4tten trotz der politisch problematischen Lage bei vielen Tiflisern der georgischen Mittelschicht immer noch lebendig war und schufen sich mit dem Aufbau deutscher Kinderg\u00e4rten eine Lebensgrundlage. &#8222;Die Kinderg\u00e4rten waren selbstverst\u00e4ndlich nicht legal zugelassen.&#8220;, erz\u00e4hlt Nino Lejava. Die heutige Leiterin des Regionalb\u00fcros S\u00fcdkaukasus der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung in Tiflis besuchte zwischen 1979 und 1981 gemeinsam mit neun anderen Kindern Tante Landas Kindergarten. Jedes Kind hatte einen eigenen kleinen Stuhl, seinen eigenen Becher und ein Paar Hausschuhe. Alle paar Monate zog die kleine Gruppe in eine andere Wohnung aus dem Kreis der Kinder um.<\/p>\n<p>Tante Landa, mit b\u00fcrgerlichen Namen Jolanta Didebulidze und ihre Schwester Nina, die ebenfalls eine Kindergartengruppe leitete, sprachen mit den Kindern ausschlie\u00dflich auf Deutsch und legten viel Wert auf spielerische Erziehung. Auch deutsche Traditionen wie das Weihnachtsfest lernten die Kinder hier kennen. &#8222;An die Schokoladenrolle erinnern sich wirklich alle!&#8220;, schw\u00e4rmt Lejava und beschreibt detailliert jene K\u00f6stlichkeit aus Schokolade und N\u00fcssen, die Tante Landa jedes Jahr zu Weihnachten in ihrem deutschen Kindergarten auftischte. Es wurde gebastelt und &#8222;Oh Tannenbaum&#8220; gesungen. Kleine Verletzungen behandelte Tante Landa mit Calendula-Tinktur und an Kindergeburtstagen spielte man Klassiker wie Topf schlagen, Blinde Kuh oder \u201eDie Reise nach Jerusalem\u201c, wobei hier allerdings Tanta Landas Klavier den Kassettenrecorder ersetzte.<\/p>\n<p>Tina Kezeli, heute Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Georgian Wine Association, besuchte Tante Ninas Kindergarten. Wie Lejava erinnert sie sich gerne an diese Zeit. &#8222;Tante Nina war sehr streng, aber sie schaffte es, zu jedem Kind eine besondere Beziehung aufzubauen. Jeder dachte, dass das seine Tante Nina sei.&#8220;, beschreibt sie ihre ehemalige Erzieherin. Die beiden Frauen erz\u00e4hlen von Theaterst\u00fccken oder wie toll sie sich f\u00fchlten, wenn sie von den Tanten gelobt wurden. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs kommen immer mehr Erinnerungen hoch. Und man merkt, wie besonders und wertvoll die Erfahrungen im deutschen Kindergarten waren. &#8222;Der Kindergarten ist wirklich eines der besten Gef\u00fchle meiner Kindheit&#8220;, so Kezeli.<\/p>\n<p>Eine verst\u00e4ndliche Aussage, blickt man auf den Alltag der staatlichen Kinderg\u00e4rten dieser Zeit. Mit ihrer Ausrichtung auf die Masse, monotonen Aufgaben, wie etwa dem Rezitieren von Gedichten und teilweise harten Bestrafungsma\u00dfnahmen, standen viele Einrichtungen in scharfem Kontrast zur Geborgenheit und individuellen F\u00f6rderung der deutschen Tanten. Nino Lejava, die w\u00e4hrend ihrer Zeit bei Tante Landa einige Wochen in einem solchen sowjetischen Kindergarten verbrachte, erlebte in dieser Zeit, aber auch sp\u00e4ter beim Schulanfang, ihren &#8222;Zusammensto\u00df mit dem Kollektiv&#8220;. Gelernt h\u00e4tte man dort deutlich weniger, viele Besch\u00e4ftigungen erschienen langweilig. Auch die Gruppendynamik sei bei 40 Kindern eine ganz andere. Ein Gef\u00fchl der Ausgeliefertheit konnte als Nebeneffekt dieser gro\u00dfen Gruppen hervor treten. Die Tanten hingegen h\u00e4tten sehr auf den sozialen Zusammenhalt ihrer Sch\u00fctzlinge geachtet, so dass niemand ausgegrenzt wurde. Tina Kezeli pflichtet ihr bei: &#8222;Ja, wir haben dort sehr viel mehr gelernt, als nur die Sprache.&#8220; Sie erz\u00e4hlt, wie Tante Nina es verstand, den Kindern Verantwortungsgef\u00fchl und Verl\u00e4sslichkeit beizubringen.<\/p>\n<p>Beide Frauen hielten teilweise bis zum Tod ihrer Tanten den Kontakt mit ihnen, besuchten sp\u00e4ter als G\u00e4ste die ehemaligen Kindergartengruppen und haben noch heute Kontakt zu vielen anderen Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen von Tante Landa und Tante Nina. Dass die Gruppe derer, die einen solchen Kindergarten besucht haben, jedoch viel gr\u00f6\u00dfer ist und die Tradition dieser Einrichtungen viel weiter zur\u00fcckreicht als in die Zeit ihrer Kindheit, stellte Lejava erst in j\u00fcngster Zeit bewusst fest.<\/p>\n<p>Im Jahr 2004 waren Nino Lejava und Ana Kordsaia-Samadaschwili zu einer Tagung aus Tiflis\u00a0 nach Moskau gereist und spazierten w\u00e4hrend einer Pause durch die Stadt. In einem Parf\u00fcmladen wollte Kordsaia-Samadaschwili unbedingt eine Flasche &#8222;Krasnaja Moskwa&#8220;, ein Luxusparf\u00fcm aus der Sowjet\u00e4ra, finden, um daran zu schnuppern. Dieser Duft erinnere sie an ihre deutsche Kinderg\u00e4rtnerin. Lejava wurde neugierig und hakte nach. Schlie\u00dflich stellte sich heraus, dass es sich bei der deutschen Kinderg\u00e4rtnerin um Tante Nina handelte. Diese Begegnung regte Lejava dazu an, sich selbst auf die Suche nach der deutschen Minderheit im Kaukasus bzw. ihrer Repr\u00e4sentanz durch die deutschen Erzieherinnen, zu machen. &#8222;Ich wollte wissen, welche Spuren die Tanten in mehreren Generationen hinterlassen haben.&#8220; Erste Nachforschungen ergaben, dass die deutschen Tanten mit ihren Kinderg\u00e4rten tats\u00e4chlich ein rein georgisches Ph\u00e4nomen in den deutschen Siedlungsgebieten der Sowjetunion waren. Weder im Aserbaidschan noch in Armenien fanden sich Angaben \u00fcber eine solche Art fr\u00fchkindlicher Bildungsorte.<\/p>\n<p>Anhaltspunkte \u00fcber die zugrunde liegende Didaktik lieferte die Erfahrungen, die Lejavas eigene Tochter in dem in Tiflis von Hanna Ditschler vor einigen Jahren gegr\u00fcndeten deutschen Kindergarten, der \u00a0&#8222;Villa Pepi&#8220; sammelte. Die hier praktizierten Spiele und Methoden basierten teilweise auf der Montessori-Methodik und riefen bei Lejava Erinnerungen an ihre Zeit bei Tante Landa hervor. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck setzten sich die Puzzlest\u00fccke aus der Kindheit zusammen. W\u00e4hrend eines Familienurlaubs im Schwarzwald erzeugte eine Kneipp-Tour einen weiteren Flashback: &#8222;Diesen Storchengang, dieses Wassertreten, das haben wir bei Tanta Landa auch immer gemacht.&#8220; , lacht Lejava.<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter erfuhr sie in einer Unterhaltung mit Tanta Landas Sohn, Alexander Didebulidze, dass sowohl Tante Nina, als auch Tante Landa ihre Leitlinien aus einer alten Kladde seiner Gro\u00dfmutter, Tante Lili, die ihrerseits bereits in den 1940er Jahren Kindergartengruppen geleitet hatte, entnahmen. Tante Landas Tochter Elisso Didebulidze f\u00fchrte die Ideen ihrer Mutter und Gro\u00dfmutter fort. Bis vor etwa acht Jahren unterhielt auch sie eine kleine deutsche Kindergartengruppe, bis heute die letzte dieser Art.<\/p>\n<p>2012 schlie\u00dflich beschloss Lejava eine Facebook-Gruppe zu gr\u00fcnden, um \u00fcber dieses Portal, gemeinsam mit anderen ehemaligen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der Tanten, Fotos und Erinnerungen zu sammeln und zu teilen. &#8222;Fast jeder von uns hat Fotos zu Hause&#8220;, erz\u00e4hlt Tina Kezeli. Auch ihr ist es wichtig, die Erinnerung an die Tanten wach zu halten. Beide Frauen sehen die deutsche Tanten als einen wichtigen Teil des Kulturtransfers zwischen Deutschland und Georgien. &#8222;Die Tanten waren pr\u00e4gend f\u00fcr bestimmte Generationen. Sie haben den Grundstein f\u00fcr das Interesse an deutscher Kultur gelegt&#8220;, so Lejava.<\/p>\n<p>Im Sommer diesen Jahres planen Nino Lejava und Tina Kezeli eine Veranstaltung, bei der Filme, die Kezelis Vater seinerzeit im Kindergarten drehte, gezeigt werden und die ehemaligen Kindergartensch\u00fcler zum Erinnerungsaustausch eingeladen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schokoladenrolle und Storchengang hinter dem Eisernen Vorhang\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 von Kathrin Schneider\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zwischen den 1940er Jahren bis 2004 gab es in Georgien eine Anzahl kleiner, deutscher Kinderg\u00e4rten, die in der Sowjet\u00e4ra im Verborgenen arbeiteten. 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