{"id":814,"date":"2012-05-18T07:15:46","date_gmt":"2012-05-18T05:15:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=814"},"modified":"2012-05-18T07:15:46","modified_gmt":"2012-05-18T05:15:46","slug":"schuki-aris-strom-ist-da","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=814","title":{"rendered":"Schuki aris \u2013 Strom ist da"},"content":{"rendered":"<h1><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=815\" rel=\"attachment wp-att-815\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-815\" title=\"Zhinvali \" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Zhinvali-1.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"189\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Zhinvali-1.jpg 283w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Zhinvali-1-150x100.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/a>Georgien auf dem Weg vom Energiemangel zum Stromexporteur<\/h1>\n<h1><em><strong>Von Daniel Nitsch\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/em><\/h1>\n<h1><strong>In der Vergangenheit war Georgien Netto-Importeur von Strom. Besonders in der Zeit nach der Unabh\u00e4ngigkeit war die Versorgungslage mehr als nur mangelhaft, es kam immer wieder zu Stromabschaltungen, unter anderem auch, weil die mangelhafte Zahlungsmoral der Stromverbraucher immense L\u00f6cher in die Bilanz der Stromversorger gerissen hat. Stromabschaltungen geh\u00f6rten damals zum Alltag. Der kollektive Aufschrei \u201eSchuki aris\u201c (Strom ist da) elektrisierte das ganze Land immer dann, wenn die Versorgung mit Elektrizit\u00e4t wieder einsetzte.<\/strong><\/h1>\n<p>Diese Zeit hat Georgien gl\u00fccklicherweise hinter sich gelassen, die Stromversorgung funktioniert heute zuverl\u00e4ssig. Wenn punktuelle Stromabschaltungen vorkommen, dann dauern sie nur noch kurz und passieren sehr selten. Mittlerweile deckt Georgien seinen eigenen Stromverbrauch durch heimische Produktion, mehr noch, Strom, vor Jahren noch Ausdruck der georgischen Mangelwirtschaft, ist heute ein Exportartikel mit enormem Wachstumspotential. Immer mehr Investoren, auch ausl\u00e4ndische entdecken den georgischen Markt.<\/p>\n<p>Grund genug f\u00fcr die Deutsche Wirtschaftsvereinigung in Georgien (DWVG), sich in einem Wirtschaftsforum mit den neuesten Trends und Chancen im Bereich der Wasserkraft zu besch\u00e4ftigen. Die Referenten waren Giorgi Kawelaschwili, stellvertretender Minister f\u00fcr Energie und Naturressourcen Georgiens; Nino Schanidse, Projektmanagerin bei der Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau; Akaki Tschchaidse, Direktor im Bereich Vertrieb und Marketing von Heidelberg Zement Georgien; sowie Teona Beria, Mitarbeiterin des Georgian Energy Development Found.<\/p>\n<p>Der j\u00e4hrliche Stromverbrauch Georgiens lag 2011 bei etwa 11 TWh (Terawattstunden), weitere 1,3 TWh wurden exportiert. Alle Nachbarl\u00e4nder sind mit Georgien \u00fcber Hochspannungsleitungen verbunden und lassen zu Zeiten des Spitzenverbauchs Strom aus Georgien in ihre Netze einspeisen. Sogar Russland, jahrelang schlecht bezahlter Importeur von Strom nach Georgien, ist mittlerweile ein Stromkunde des Landes.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Abnehmer von georgischer Elektrizit\u00e4t ist die T\u00fcrkei. Die t\u00fcrkische Wirtschaft erlebt derzeit einen Boom und die dortige Stromerzeugung kann den Bedarf nicht decken. Dazu kommt noch, dass in Georgien der Stromverbrauch dann sehr niedrig ist, wenn er in der T\u00fcrkei sehr hoch ist \u2013 just in den hei\u00dfen Sommermonaten, wenn Wasserkraftwerke besonders viel produzieren k\u00f6nnen, weil die Fl\u00fcsse durch die Schneeschmelze im Hochgebirge viel Wasser f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ein gutes Gesch\u00e4ft f\u00fcr Georgien, so gut, dass nun eine weitere Hochspannungsleitung in die T\u00fcrkei errichtet wird. Die 400-KV-Leitung \u00fcber Achalziche wird bis Mai fertig gestellt sein, finanziert mit rund 100 Millionen Euro durch die deutsche Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau (KfW).<\/p>\n<p>Derzeit werden etwa 85 Prozent des erzeugten Stroms durch Wasserkraft erzeugt, die restlichen 15 Prozent kommen aus dem Thermo-Kraftwerk Gardabani, ein Auslaufmodell. Denn in etwa sechs bis sieben Jahren finanziert, soll die gesamte Stromproduktion in Georgien aus Wasserkraft umgestellt sein.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Potential f\u00fcr Wasserkraft in Georgien wird derzeit nur zu 18 Prozent genutzt. Etwa 300 Flussl\u00e4ufe bieten sich f\u00fcr die Nutzung an, der Staat definiert die potentiellen Standorte und erstellt Machbarkeits- und Umweltvertr\u00e4glichkeitsstudien. \u00a0Derzeit sind etwa 40 Kraftwerksprojekte in Arbeit, deren Fertigstellung zwischen 2014 und 2017 erfolgen soll. Diese neuen Kraftwerke mit einer Investitionssumme von 5,4 Milliarden Euro werden insgesamt 10 TWh Strom pro Jahr, das ist fast der derzeitige Jahresstromverbrauch im Land, erzeugen; die Stromerzeugung soll also bis 2018 fast verdoppelt werden. Dennoch werden weiterhin Investoren f\u00fcr den Bau und den Betrieb zus\u00e4tzlicher Wasserkraftwerke gesucht.<\/p>\n<p>Der Bau wird dann vom Staat gef\u00f6rdert, der zuk\u00fcnftige Betreiber unterliegt jedoch kaum Beschr\u00e4nkungen. Den Strompreis regelt der nationale und internationale Markt. Bis die Baukosten amortisiert sind \u2013 man rechnet mit sechs bis acht Jahren an \u2013 ist der Betreiber von allen Steuerverpflichtungen befreit, es wird nur ein Prozent Grundsteuer f\u00e4llig. Notwendige Baugenehmigungen werden innerhalb von 60 Arbeitstagen und die Bewilligung zur Stromerzeugung innerhalb von 30 Arbeitstagen ausgestellt. Der georgische Staat unternimmt viel, um Investoren f\u00fcr den Ausbau der Wasserkraft anzulocken. Kraftwerke mit einer Leistung unter 13 MW, das ist der Strombedarf von 25.000 \u2013 30.000 Menschen, ben\u00f6tigen diese Genehmigung zur Stromerzeugung jedoch nicht.<\/p>\n<p>Die KfW vergab seit 1993 insgesamt 240 Millionen Euro Kreditvolumen im Energiesektor. Die acht Prozent Zinsen sind in Georgien sehr attraktiv, da die Kreditraten bei Banken deutlich h\u00f6her liegen.<\/p>\n<p>In einer zweiten Phase sollen ab 2012 neue Mittel in der H\u00f6he von 15-24 Millionen Euro auch f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Kraftwerke vergeben werden.<\/p>\n<p>Zur Unterst\u00fctzung der Investoren stehen auch zwei georgische Staatsunternehmen bereit, der Georgian Energy Development Found (GEDF) sowie die Georgian Green Energy Development Company (GGEDC). Sie minimieren das finanzielle Risiko durch staatliche Beteiligungen. Investoren f\u00fchlen sich oft sicherer, wenn der Staat gewisse Risiken \u00fcbernimmt, jedoch soll immer eine Exit-Option gewahrt sein, sodass der zuk\u00fcnftige Betreiber unabh\u00e4ngig agieren kann.<\/p>\n<p>Giorgi Kawelaschwili, der stellvertretende Energieminister, sieht deshalb viele Gr\u00fcnde f\u00fcr ausl\u00e4ndische Kapitalgeber, jetzt in Wasserkraft in Georgien zu investieren. Im Vergleich zu Europa, wo Investoren oft Jahre f\u00fcr Bewilligungen und Gutachten \u201everlieren\u201c, habe Georgien ein liberales Investitionsklima geschaffen. Der Erfolg gibt dem Land recht: Investoren aus Europa und Asien stehen Schlange.<\/p>\n<p>Bei all den ambitionierten Pl\u00e4nen sollte nicht vergessen werden: Auch wenn die Wasserkraft eine saubere und erneuerbare Energiequelle ist, hat ihre Nutzung nachhaltige Auswirkungen auf die Landschaft. In den Alpen gibt es nur mehr wenige Flussl\u00e4ufe, die nicht wirtschaftlich genutzt werden, w\u00e4hrend weite Teile des Kaukasus noch unber\u00fchrt sind, was besonders f\u00fcr Bergsporttouristen die Region attraktiv macht. Die Vertreter der georgischen Energiewirtschaft betonten, dass bei jedem potentiellen Standort umfassende Studien zu \u00f6kologischen und sozialen Auswirkungen durchgef\u00fchrt werden. Im Zweifel w\u00fcrden Projekte dann sogar gestrichen, wie das mit dem Projekt Zablari I (siehe Info-Kasten) passiert ist. Das Wasserkraftpotential kann Georgien von Stromimporten unabh\u00e4ngig machen und dar\u00fcber hinaus sogar wichtige Einnahmen bescheren. Problematisch bleibt aber dennoch die Frage nach einer Erh\u00f6hung der Energieeffizienz in georgien. Die vollkommene Autarkie beim elektrischen Strom ist jedenfalls positiv. Jedoch werden beispielsweise Wohnungen derzeit oft elektrisch beheizt und die thermische Isolierung der \u00e4lteren Geb\u00e4ude ist mangelhaft. Das f\u00fchrt zu horrenden Stromrechnungen im Winter, die die weniger wohlhabende Bev\u00f6lkerung oft an den Rand des Ruins treibt. Auch bei Neubauten wird noch nicht gen\u00fcgend Wert auf Energieeffizienz gelegt. Daher wird Georgien im Winter weiterhin Elektrizit\u00e4t importieren m\u00fcssen, wenn der Stromverbrauch hoch ist und die Kraftwerke nur wenig Strom produzieren k\u00f6nnen, weil die Fl\u00fcsse wenig Wasser f\u00fchren. In einer Studie der Weltbank wird Georgien die M\u00f6glichkeit bescheinigt, zumindest im Sommer so viel Strom verkaufen zu k\u00f6nnen, um damit die notwendigen Zuk\u00e4ufe im Winter zu finanzieren. Gro\u00dfes Geld verdienen lie\u00dfe sich dabei allerdings noch nicht, nicht nur, weil dazu auch massive Investitionen ins internationale Leitungsnetz notwendig werden.<\/p>\n<p>Doch auch diesen Pl\u00e4nen kann das Energieverhalten der Bev\u00f6lkerung schnell den Garaus machen. Bei der Berechnung des Exportpotentials wird davon ausgegangen, dass die Spitzenzeit im Stromverbrauch der T\u00fcrkei \u2013 der wichtigste Stromabnehmer \u2013 im Sommer liegt, das ist die Zeit der h\u00f6chsten Produktion und dem geringsten Verbrauch in Georgien. Doch auch in Georgien gibt es ein gro\u00dfes Potential f\u00fcr hohen Stromverbrauch im Sommer: Wohlhabende L\u00e4nder in dieser Klimazone verbrauchen deutlich mehr Energie f\u00fcr K\u00fchlung im Sommer als f\u00fcr Heizung im Winter. Steigt in Georgien \u2013 hoffentlich &#8211; der Lebensstandard, dann werden auch mehr Leute Wert auf eine Klimaanlage legen, um die sommerliche Gluthitze in den Gro\u00dfst\u00e4dten leichter zu ertragen. Das alles ist aber aufgrund des scheinbar unbegrenzten Wasserkraftpotentials noch kein Thema von offizieller Seite; man hofft also, dieses Problem durch die Erschlie\u00dfung noch gr\u00f6\u00dferer Kapazit\u00e4ten in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Und so positiv die Importunabh\u00e4ngigkeit Georgiens im Bereich der Elektrizit\u00e4t gesehen werden muss, sollte nicht vergessen werden, dass beispielsweise im Verkehrsbereich das Land fast zu 100 Prozent auf Erd\u00f6l angewiesen ist. Elektrisch betriebene Verkehrsmittel wie Stra\u00dfenbahn und O-Bus wurden erst vor wenigen Jahren komplett durch Dieselbusse und Marschrutkas ersetzt. Und auch wenn die Bahn f\u00fcr den G\u00fctertransport \u2013 speziell bei \u00d6l aus Aserbaidschan \u2013 sehr attraktiv ist, spielt sie im Personenverkehr nur eine untergeordnete Rolle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georgien auf dem Weg vom Energiemangel zum Stromexporteur Von Daniel Nitsch\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In der Vergangenheit war Georgien Netto-Importeur von Strom. 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