{"id":709,"date":"2012-05-12T11:03:28","date_gmt":"2012-05-12T09:03:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=709"},"modified":"2012-05-12T21:01:40","modified_gmt":"2012-05-12T19:01:40","slug":"buchbesprechung-olga-grjasnowa-der-russe-ist-einer-der-birken-liebt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=709","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Olga Grjasnowa &#8222;Der Russe ist einer, der Birken liebt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Kathrin Schneider<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Russen sehen aus wie Leute, die Birken lieben. Die Pal\u00e4stinenser wie Leute, die es gewohnt sind zu warten. Die Deutschen? Und die Aserbaidschaner? Und die Israelis? Olga Grjasnowa kennt keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste vor Allgemeinpl\u00e4tzen. Im Gegenteil: In ihrem Roman &#8222;Der Russe ist einer, der Birken liebt&#8220; bedient sie sich ihrer, um sie gleichzeitig zu dekonstruieren. Ihre Protagonistin Mascha ist eine hochbegabte deutsche Aserbaidschanerin mit russisch-j\u00fcdischem Hintergrund, spricht au\u00dferdem hervorragend Franz\u00f6sisch und Arabisch, aber entzieht sich dabei jedem Klischee.<\/p>\n<p>Als Kind in Baku durch den aserbaidschanisch-armenischen Konflikt traumatisiert, flieht sie mit ihrer Familie nach Deutschland und lernt fr\u00fch, dass sogenannte Kinder mit Migrationshintergrund in der deutschen Mehrheitsgesellschaft nur eine Chance haben wenn sie deren Sprache beherrschen. Als sie beginnt ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen, ist sie Mitte 20 und wohnt mit Ihrem Freund Elias in Frankfurt. Dieser sucht vergebens hinter Maschas Seele zu blicken, ihr Trauma zu verstehen. Aber Mascha verweigert sich beharrlich, will sich nicht \u00f6ffnen und scheint dennoch nur zu funktionieren, wenn sie um Elias&#8216; Zuneigung wei\u00df. Auch als Studentin der Dolmetscherwissenschaften bewegt sie sich buchst\u00e4blich zwischen den Welten. Als Elias pl\u00f6tzlich an einer Lungenembolie stirbt, bricht Maschas Welt zusammen. Der Leser folgt Mascha in ihrer Verzweiflung, begleitet sie bei amour\u00f6sen Abenteuern, bei der Auseinandersetzung mit Elias&#8216; Eltern und schlie\u00dflich nach Israel, wo sie als \u00dcbersetzerin und Dolmetscherin arbeitet. Doch weder der r\u00e4umliche Abstand noch das Nachtleben oder der Strand von Tel-Aviv k\u00f6nnen ihren Kummer mindern. Im Gegenteil, die allgegenw\u00e4rtige Auseinandersetzung zwischen Pal\u00e4stinensern und Israelis, die Gewalt in den Stra\u00dfen, aber auch in den K\u00f6pfen der Menschen l\u00e4sst Erinnerungen an die als Kind erfahrene Gewalt in Baku lebendig werden.<\/p>\n<p>Man f\u00fchlt beim Lesen f\u00f6rmlich wie Maschas Seele St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck auseinander bricht, wie sie sich der Trauer hingibt und wie sie dennoch gegen den eigenen Zusammenbruch k\u00e4mpft. Und das ist es dann auch, was an Mascha so fasziniert: diese eigenartige Mischung aus St\u00e4rke und Schw\u00e4che, die pr\u00e4zise Beobachtungsgabe, ihr Witz und ihre Klugheit, aber auch ihre Rastlosigkeit und ihre Heimatlosigkeit. Olga Grjasnowa hat mit Mascha eine Figur geschaffen, die uns nicht nur ihre Geschichte erz\u00e4hlt, sondern auch die einer ganzen Generation von Migranten, deren komplexe Schicksale, Lebensl\u00e4ufe und unterschiedlichen Talente in der Mehrheitsgesellschaft oft unentdeckt bleiben oder aufgrund falsch verstandener Toleranz ignoriert werden.<\/p>\n<p>Die Sprache des Romans ist wie seine Hauptfigur: schnell, pr\u00e4zise und klug. Sie zieht den Leser\u00a0 rasch in den Bann. Auslassungen und Schilderungen in der Retrospektive verleihen dem Roman zus\u00e4tzliche Dramatik. So ist z.B. lange nicht klar, woran Elias genau stirbt oder welche Ereignisse in Baku Mascha derart traumatisiert haben.<\/p>\n<p>Ein selbstbewusstes Buch und ein beeindruckendes Erstlingswerk, dessen Glaubhaftigkeit nicht zuletzt mit der Biografie der Autorin zusammenh\u00e4ngt. Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku geboren. Ihr Vater ist Russe, ihre Mutter geh\u00f6rt zu der j\u00fcdischen- aserbaidschanischen Minderheit\u00a0 des Landes. 1995 emigrierte die Familie nach Frankfurt. L\u00e4ngere Aufenthalte in Polen, Israel und Russland lassen durchblicken, dass auch Olga zu jener, von ihr beschriebenen, neuen weltgewandten Generation von Migranten und Migrantinnen geh\u00f6rt. Dr\u00e4ngt sich die Frage auf, wie viel Mascha steckt wirklich in Olga.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Kathrin Schneider &nbsp; Die Russen sehen aus wie Leute, die Birken lieben. Die Pal\u00e4stinenser wie Leute, die es gewohnt sind zu warten. Die Deutschen? 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