{"id":2839,"date":"2018-10-08T21:08:02","date_gmt":"2018-10-08T19:08:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2839"},"modified":"2018-10-08T21:08:02","modified_gmt":"2018-10-08T19:08:02","slug":"rainwurf-vorsicht-satire","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2839","title":{"rendered":"RAINwurf &#8211; Vorsicht: Satire"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><strong>Der RAINwurf ist die monatliche Satire-Kolumne der KaPost<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich, so sagt man, kenne Satire keine Grenzen, das hei\u00dft zumindest, niemand darf dem Satiriker irgendwelche Grenzen aufzeigen, es sei denn Gesetze und ihre Vorschriften. Die darf auch Satire nicht verletzen. Auch nicht unter dem Motto: Je suis Charlie. Je suis B\u00f6hmermann. Was aber, wenn Satire an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft, weil das, was sie behandeln m\u00f6chte, bereits so absurd ist, das es satirisch nicht mehr \u00fcberh\u00f6ht und verfremdet werden kann, um den Irrsinn, der darin steckt, heraus zu arbeiten? Wenn man mit keinem Gag der Welt das noch auf die satirische Spitze treiben kann, was sich in der Realit\u00e4t gerade zugetragen hat? Wenn also die Realit\u00e4t und ihre Protagonisten in der Lage sind, alle satirische Phantasie zu \u00fcbertreffen? Soll man dann einfach resignieren? Darf man als Satiriker \u00fcberhaupt resignieren? Nein, dann bleibt am Ende nur eines, den Spie\u00df umzudrehen, die dargebotene Realsatire ernst zu nehmen und sie mit Mitteln der seri\u00f6sen Argumentation zu entlarven. An diesem Punkt sind wir in Georgien angekommen. Zumindest, was das Verhalten des jung-forschen Parlamentspr\u00e4sidenten angeht. Was auch immer er fr\u00fcher einmal an einer deutschen juristischen Fakult\u00e4t studiert haben mag, eines ist voll an ihm vorbeigegangen: Der Verfassungsgrundsatz von der Gewaltenteilung: Legislative, Exekutive, Judikative. In Europa Basiswissen eines jeden Abiturienten: Die Legislative (= Parlament) verabschiedet Gesetze und kontrolliert (!!!!) die Regierung (= Exekutive) bei der Umsetzung dieser Gesetze. Und die unabh\u00e4ngige Rechtsprechung (= Judikative) steht, was die Interpretation der Gesetze angeht, \u00fcber beiden, aber nur, was die Interpretation der Gesetze angeht. Aber lassen wir jetzt einmal das Thema Justiz und Georgien au\u00dfen vor, obwohl es zu dieser Verfassungss\u00e4ule des Landes mehr als nur genug zu hinterfragen g\u00e4be. Besch\u00e4ftigen wir uns etwas intensiver mit dem Pr\u00e4sidenten des georgischen Parlaments, dem obersten Repr\u00e4sentanten der Legislative.<\/p>\n<p>Also, Herr Pr\u00e4sident, was w\u00e4re Ihre vornehmste Aufgabe als Vorsitzender des georgischen Parlaments? Zun\u00e4chst ganz einfach: Sie h\u00e4tten das ganze Parament zu repr\u00e4sentieren und nicht nur die Mehrheit, die Ihnen zu Ihrem Amt verholfen hat. Und sie h\u00e4tten das gesamte \u201eVerfassungsorgan Legislative\u201c, also auch die Opposition, vor allem gegen\u00fcber dem \u201eVerfassungsorgan Exekutive\u201c zu repr\u00e4sentieren und zu positionieren. So jedenfalls w\u00fcrde Ihre Funktion in den meisten L\u00e4ndern Europas verstanden, dem Sie doch angeh\u00f6ren zu wollen, nie m\u00fcde werden, zu proklamieren, das hei\u00dft wohl eher zu reklamieren, weils denn doch nicht so schnell klappt, wie hierzulande getr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Dagegen gerieren Sie sich eher als Vorsitzender der Mehrheitsfraktion sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb des Parlaments, eine ganz und gar nicht-europ\u00e4ische Interpretation Ihres Amtes. Und Sie mischen sich in einer Art und Weise in den derzeitigen Pr\u00e4sidentschafts-Wahlkampf ein, die den Anspruch an Ihr Amt, sich parteipolitisch neutral zu verhalten, v\u00f6llig ad absurdum f\u00fchrt. Wie, Herr Pr\u00e4sident, wollen Sie denn mit dem k\u00fcnftigen obersten Repr\u00e4sentanten Ihres Staates zusammen arbeiten, wenn etwa Ihre Favoritin, sofern sie das bei Drucklegung dieser Zeilen \u00fcberhaupt noch ist, nur als zweite ins Ziel kommt, wenn also das Wahlvolk, der oberste Souver\u00e4n des Landes, etwas anderes entscheidet als das, was Sie ihm auftragsgem\u00e4\u00df aufzutragen und einzutrichtern versuchen? In der Demokratie soll es gelegentlich auch mal eine Niederlage geben, haben wir ja gerade im fernen Berlin vernehmen d\u00fcrfen. Und das von einem politischen Alpha-Weibchen, das seit Jahrzehnten nur ans Siegen gewohnt war. Und: K\u00f6nnen Sie sich nicht vorstellen, dass Ihre eigenwillige Interpretation Ihres Amtes andernorts wahrgenommen und recht kritisch bewertet wird?<\/p>\n<p>Glauben Sie uns, Herr Pr\u00e4sident, wir h\u00e4tten statt dieser ernsthaften Zeilen lieber eine krachende Satire \u00fcber Sie geschrieben, eine, bei der wir, Sie und vor allem unsere Leserschaft sich vor Vergn\u00fcgen auf die Schenkel h\u00e4tten klopfen k\u00f6nnen. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden, jung genug sind Sie ja. Immerhin, in den letzten Tagen haben Sie uns schon eine erste Steilvorlage f\u00fcr satirisches Nachkarten geliefert: Ihre Aussage, mit dem Anbau von Cannabis k\u00f6nne die Armut in Georgien statt in zehn Jahren schon in sechs bis sieben Jahren \u00fcberwunden werden. Chapeau f\u00fcr diese Erkenntnis. Vielleicht sollten Sie diesen Vorschlag mal bei den Vereinten Nationen oder anderen Organisationen unterbreiten, die sich der internationalen Bek\u00e4mpfung der Armut verschrieben haben. Wenn sich diese Idee durchsetzt, k\u00f6nnte &#8211; nein: m\u00fcsste &#8211; man Sie ja fast f\u00fcr den Friedensnobelpreis vorschlagen, denn die \u00dcberwindung der Armut ist doch eine Grundlage f\u00fcr ein friedvolles Nebeneinander der Menschen. Cannabis for peace! Nur eine klitzekleine Kleinigkeit haben sie mit diesem forschen Statement \u00fcbersehen: Sie haben der Bev\u00f6lkerung Georgiens heute schon einmal prophylaktisch angedeutet, dass das Problem der Massen-Arbeitslosigkeit und Massen-Armut im Lande auch bei der n\u00e4chsten Parlamentswahl im Jahr 2020 noch nicht ann\u00e4hernd gel\u00f6st sein d\u00fcrfte. Das ist ja schon fast eine geniale Langfrist-Strategie f\u00fcr den n\u00e4chsten Wahlkampf. Wir sind heute schon gespannt, mit welchen Erfolgen Sie dann um die Mehrheit im Parlament k\u00e4mpfen. Irgendetwas m\u00fcssen Sie doch vorweisen, wenn der \u201egesellschaftliche\u201c Konsens zum Thema Cannabis und Armutsabbau nicht erzielt werden kann. Aber, Moment, das d\u00fcrfen wir nicht vergessen: Sie selbst m\u00fcssen ja zur n\u00e4chsten Parlamentswahl gar nicht mehr k\u00e4mpfen, wenn Sie bis dahin das 1&#215;1 der Gewaltenteilung gelernt haben. Dann d\u00fcrfen Sie im n\u00e4chsten Wahlkampf zu allen Sachfragen schweigen. Als neutraler Repr\u00e4sentant des Verfassungsorgans Legislative. Womit wir dann doch noch die Kurve zur Satire gekratzt h\u00e4tten. Oder etwa nicht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der RAINwurf ist die monatliche Satire-Kolumne der KaPost Eigentlich, so sagt man, kenne Satire keine Grenzen, das hei\u00dft zumindest, niemand darf dem Satiriker irgendwelche Grenzen aufzeigen, es sei denn Gesetze und ihre Vorschriften. Die darf auch Satire nicht verletzen. 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