{"id":2837,"date":"2018-10-06T18:19:29","date_gmt":"2018-10-06T16:19:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2837"},"modified":"2018-10-06T18:19:29","modified_gmt":"2018-10-06T16:19:29","slug":"der-enguri-und-das-o-wort-georgien-und-die-buchmesse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2837","title":{"rendered":"Der Enguri und das O-Wort &#8211; Georgien und die Buchmesse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><strong>Vorab ein Editorial<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ganz Georgien freut sich auf den gro\u00dfen Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Zu Recht, denn das ist eine einmalig gro\u00dfe Chance f\u00fcr das Land, die da vor ein paar Jahren von der damaligen Botschafterin Georgiens in Berlin, Gabriela von Habsburg aufgetan wurde. Muss denn da die KaPost wieder einmal aus der Reihe tanzen und den Ober-Kritiker spielen? Wir meinen ja. Denn, wer nach Europa strebt, muss lernen, konstruktive Kritik zu \u00fcben und diese sachlich zu begr\u00fcnden. Zu allererst ist das eine Aufgabe von Journalisten. Und er muss lernen, mit Kritik umzugehen, sie zu ertragen. So gesehen sind die kritischen Beitr\u00e4ge dieser Ausgabe zur Buchmesse als auch zum Verhalten des georgischen Parlamentspr\u00e4sidenten (RAINwurf) unser bescheidener Beitrag zum Gelingen der Euro-atlantischen Aspiration Georgiens. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In diesem Sinne w\u00fcnschen wir uns und allen Besuchern der Frankfurter Buchmesse anregende Begegnungen, offene Gespr\u00e4che und einen lebhaften Diskurs \u00fcber dieses Land, das der KaPost jetzt seit mehr als einem Jahrhundert Heimat ist. Und wir w\u00fcnschen uns eine offene Diskussion in Georgien und stellen uns gerne jeder sachlichen Kritik an unserer Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00f6tz-Martin Rosin \u2013 Rainer Kaufmann<\/p>\n<h1><strong>Der Enguri und das O-Wort<br \/>\nGeorgien vor der Frankfurter Buchmesse<\/strong><\/h1>\n<p>Keine Frage, Georgien ist in Deutschland derzeit in aller Munde. Theater-Tourneen, Literaturabende mit und ohne georgische Leckerbissen, TV-Dokumentationen, Talk-Shows, Ausstellungen jedweder Art und alles, was das Herz sonst noch erfreut. Ein bundesweites Rahmenprogramm, das sich sehen lassen kann. Die Internet-Influenzer kommen kaum nach, jede Buch-Neuerscheinung auf dem deutschen Markt, die Georgien betrifft, zu teilen. Kaum ein georgischer Autor, dessen aktuelles Werk nicht auch auf Deutsch \u00fcbersetzt worden w\u00e4re. Kein deutscher Verlag, der sich nicht mit Neuerscheinungen zu Georgien pr\u00e4sentieren w\u00fcrde. Und auf dem Tourismusmarkt ist Georgien medial wenigstens ganz vorne mit dabei, ein Land, das man einfach gesehen haben muss. Eine mittlerweile selbst laufende PR-Maschinerie, die dem Land alles andere als schaden kann. Vom 10. bis zum 14. Oktober dauert die Messe, danach wird es wohl recht schnell ruhiger werden um Georgien in Deutschland, vor allem um die georgische Literaturszene. Wie nachhaltig Georgien diesen Sonder-Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse zu nutzen wei\u00df, wird sich erst noch erweisen. Wir werden in der n\u00e4chsten Ausgabe \u00fcber den Verlauf der Buchmesse berichten.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt es jetzt schon einige kritische Anmerkungen und Fragen. Gastland der Buchmesse ist Georgien, nicht die georgische Sprache. Georgien hat Minderheiten, nicht nur die in den de-facto-Republiken Abchasien und S\u00fcd-Ossetien. Es gibt auch andere ethnische Gruppierungen: Armenier und Aserbaidschaner zum Beispiel. Eine spannende Frage: Finden diese Volksgruppen auf der Buchmesse statt? Oder: Was ist mit den eigenst\u00e4ndigen Sprachen Swanisch, Mingrelisch oder Kistisch? Wird das offizielle Georgien die gro\u00dfe Chance nutzen, sich und die oft ger\u00fchmte, Jahrhunderte alte Tradition ethnischer Toleranz in Frankfurt wenigstens in Ans\u00e4tzen zu pr\u00e4sentieren? Wobei daran zu erinnern w\u00e4re, welche Verpflichtungen das Land mit seiner Mitgliedschaft im Europarat in diesem Zusammenhang eingegangen ist. Wird das irgendwo in Frankfurt deutlich?<\/p>\n<p>Gerade bei dem berechtigten Anspruch des Landes auf territoriale Integrit\u00e4t w\u00e4re es doch eine spannende Strategie, auf der Buchmesse insbesondere Abchasien und S\u00fcd-Ossetien als georgische Regionen zu pr\u00e4sentieren und dies mit einer eigenst\u00e4ndigen Sprache und Kultur, beides gepflegt und gef\u00f6rdert durch die Institutionen in Tiflis. Gibt es da nicht etwa ein eigenst\u00e4ndiges Ministerium, das sich diesen Themen zu widmen hat? Zur Erinnerung: Die KaPost hat diese Fragen bereits im Januar dieses Jahres gestellt.<\/p>\n<p>Dabei haben wir auch auf die Peinlichkeit im offiziellen Pr\u00e4sentations-Video Georgiens hingewiesen, in dem es unter dem Buchstaben E = Enguri hei\u00dft: <em>\u201e<strong>E<\/strong>nguri \u2013 ein tosender Fluss, der in das Schwarze Meer m\u00fcndet in einer spektakul\u00e4ren Region Georgiens: Abchasien, derzeit von Russland okkupiert.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=2836\" rel=\"attachment wp-att-2836\"><img loading=\"lazy\" title=\"web_2018_09_karte_aufmacher\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/web_2018_09_karte_aufmacher.jpg\" alt=\"\" width=\"631\" height=\"582\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Buchmessen-PR die geographische Situation des Landes wohl v\u00f6llig falsch darstellt. Der Enguri entspringt unterhalb des h\u00f6chsten Berges Georgiens, dem Schkhara, und zwar aus dessen Gletscher heraus. Er flie\u00dft durch Ober-Swanetien und durch die atemberaubend sch\u00f6ne und wilde Enguri-Schlucht in den Enguri-Stausee. Unterhalb der Staumauer geht es weiter am Dorf Dschwari vorbei in Richtung Sugdidi. Bis kurz vor Sugdidi f\u00fchrt der Enguri nicht einen Kilometer durch Abchasien, erst nach dem Dorf Lia ist er dann haupts\u00e4chlich Grenzfluss zwischen den georgischen Provinzen Abchasien und Mingrelien, einige wenige Kilometer nur flie\u00dft er dabei komplett durch abchasisches Gebiet, alles andere als eine spektakul\u00e4re Landschaft. Kurz vor Anaklia, etwa beim Dorf Darcheli trennen sich Fluss und Grenze. Der Enguri m\u00e4andert noch ein paar Kilometer durch die mingrelische Ebene, um in Anaklia ins Schwarze Meer zu m\u00fcnden, rund drei Kilometer s\u00fcdlich der abchasischen Grenze. Eine bekannte Szenerie, sp\u00e4testens seit Saakaschwili im Jahr 2012 den Enguri etwa 100 Meter vor seiner M\u00fcndung mit einer Holzbr\u00fccke \u00fcberspannen lie\u00df, um die beiden Teile seines geplanten, gro\u00dfen Badeparadieses Anaklia miteinander zu verbinden.<\/p>\n<p>Es ist nach wie vor unerkl\u00e4rlich, warum die Image-Werber unter E=Enguri nicht dessen Oberlauf beschrieben haben mit all den Sagen und Geschichten vom Schaf-Fell zum Beispiel, mit dem Goldstaub aus dem Fluss gewonnen wurde, dem Ursprung der Sage vom Goldenen Vliess und dem Reichtum der swanischen Kirchlein an Ikonen und mittelalterlichen Fresken? Oder von den herrlichen, mittelalterlich anmutenden Wehrturmd\u00f6rfern in Oberswanetien, die am Enguri liegen? Das Gastland Georgien pr\u00e4sentiert sich dagegen mit einer inhaltlichen Verrenkung, nur um irgendwo wenigstens die politisch wohl erforderliche, aber dennoch recht billige Propaganda unterzubringen: Das O-Wort \u2013 das aktuelle Mantra der georgischen Politik. Darf die Weltmesse der Literatur von seinem Ehrengast nicht eine tiefer gehende Analyse der historischen Ereignisse erwarten? Es bleibt abzuwarten, ob diese Frage irgendwie auf der Buchmesse thematisiert wird, ob sich die georgischen Intellektuellen erneut unisono vor den Karren des nationalen Mainstreams spannen lassen oder ob sie den Mut haben zu einer differenzierten Betrachtung der aktuellen politischen Lage des Landes.<\/p>\n<p>Das georgische Buchmessen-Team wird sich auch mit einer anderen Frage besch\u00e4ftigen d\u00fcrfen: Das Buchstaben-Video scheint alles andere als eine kreative Leistung einer georgischen Agentur zu sein. Bei der Er\u00f6ffnung der Winterolympiade in Sotschi im Jahr 2014 wurde ein vier-min\u00fctiges Video gezeigt mit dem Titel: Epic Cyrillic oder Russian Alphabet. Darin f\u00fchrt ein Schulkind die Betrachter aus aller Welt anhand der Buchstaben des kyrillischen Alphabets in Kultur und Geschichte Russlands ein. Haben die georgischen Imagewerber f\u00fcr die Frankfurter Buchmesse damit ausgerechnet beim b\u00f6sen Okkupanten aus dem Norden abgekupfert? Und das auch noch bei einer der umstrittensten sportlichen Gro\u00dfveranstaltung der letzten Jahrzehnte, der Milliarden schweren gro\u00dfen Putin-Show?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorab ein Editorial Ganz Georgien freut sich auf den gro\u00dfen Auftritt als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. 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