{"id":2677,"date":"2018-04-05T13:53:51","date_gmt":"2018-04-05T11:53:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2677"},"modified":"2018-04-05T13:54:41","modified_gmt":"2018-04-05T11:54:41","slug":"von-der-verharmlosung-eines-umstrittenen-politikers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2677","title":{"rendered":"Von der Verharmlosung eines umstrittenen Politikers"},"content":{"rendered":"<p><strong>Filmkritik:\u201cVor dem Fr\u00fchling\u201c von Rainer Kaufmann<\/strong><\/p>\n<p align=\"right\">\u00a0<strong>Vorbemerkung:<\/strong><br \/>\nDer fr\u00fchere deutsche TV-Journalist und jetzige Herausgeber der Kaukasischen Post \u00a0Rainer Kaufmann lebt seit den fr\u00fchen 90-er Jahren \u00fcberwiegend in Georgien und hat die politische Entwicklung von Gamsachurdia \u00fcber Schewardnadse und Saakaschwili bis heute vor Ort miterlebt und journalistisch begleitet. Er hat mehrere B\u00fccher \u00fcber Georgien geschrieben und mehr als 15 TV-Dokumentationen f\u00fcr deutsche Sender produziert. Gleich nach dem Putsch gegen Gamsachurdia im Januar 1992 war er in Tiflis, ebenfalls im Sommer\/Herbst 1993, dem Zeitraum, in dem die Handlung des Filmes spielt. Einige der engeren Mitarbeiter Gamsachurdias, die sp\u00e4ter in Opposition zu ihm gingen, sowie dessen Sohn Konstantin hat er pers\u00f6nlich gekannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Eindruck vom Film \u201eVor dem Fr\u00fchling\u201c des georgischen Regisseurs George Ovashvili: Gro\u00dfes Erz\u00e4hlkino; meisterhafte, wenngleich minimalistische Kameraf\u00fchrung, die sogar die immer wieder gleichen Szenen einer wilden Gruppe, die sich durch die verschneite Landschaft k\u00e4mpft, niemals langweilig werden l\u00e4sst. Keine Frage, solches Kino muss man k\u00f6nnen. Minimale Dialoge, kaum Handlung und doch eine spannende, unter die Haut gehende Parabel von einem, der lernen muss, dass ihm die Macht entglitten ist. Und, ganz nebenbei: Eine mehr als nur ansprechende Darstellung der urspr\u00fcnglichen georgischen M\u00e4nnergesellschaft, wie sie auch in den Bergen heute immer seltener anzutreffen ist mit Trinkspr\u00fcchen, Gesang, wildem Tanz und bei aller Armut und Bescheidenheit dennoch \u00fcppigen Gastm\u00e4hlern.<\/p>\n<p>Soweit so gut, w\u00fcrde es sich bei der Hauptfigur, deren Geschichte da erz\u00e4hlt wird, nicht um Sviad Gamsachurdia handeln, den ehemaligen ersten Pr\u00e4sidenten des unabh\u00e4ngigen, post-sowjetischen Georgiens. Nach einigem Abstand vom wirklich eindrucksvollen Film dr\u00e4ngt sich dann aber immer st\u00e4rker die Frage auf: Kann man einen Film \u00fcber eine Person der Zeitgeschichte machen, ohne sich mit der Politik, die mit dieser Person zu verbinden ist, und deren Folgen zu besch\u00e4ftigen? Kann man eine historische Figur v\u00f6llig ihrer eigenen Geschichte \u201eentmanteln\u201c, in dem man sie als Noch-immer-Pr\u00e4sident in Anzug, Krawatte und \u2013 eben sehr symbolisch \u2013 ein und demselben Mantel samt Aktentasche immer wieder durch den Schnee stapfen l\u00e4sst, begleitet von einem Haufen mehr oder weniger schwer bewaffneter Getreuer? Auf der Flucht vor Leuten, \u201eJunta\u201c genannt, die ihn, der sich noch immer als gew\u00e4hlter Vertreter seines Volkes f\u00fchlt, verfolgen? Kann man einen, der historisch nicht ohne eigenes Zutun, man k\u00f6nnte es auch Schuld nennen, in diese Situation gekommen ist, v\u00f6llig verharmlosen und auf einen tragisch Gescheiterten reduzieren, dessen Sanftmut den ganzen Film dominiert und den Betrachter in seinen Bann zieht?<\/p>\n<p>Ich denke, man kann es eigentlich nicht, schon gar, wenn die wenigen historischen Informationen, die zur Einordnung des Geschehens eigentlich n\u00f6tig w\u00e4ren, \u00fcberaus<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=2676\" rel=\"attachment wp-att-2676\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-2676\" title=\"gamsachurdia_web\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsachurdia_web.jpg\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"283\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsachurdia_web.jpg 460w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsachurdia_web-150x92.jpg 150w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsachurdia_web-300x184.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Gamsachurdia-Foto in einem westgeorgischen Haushalt<\/em><\/p>\n<p>einseitig und dazu noch l\u00fcckenhaft gegeben werden. Deshalb die wichtigsten historischen Fakten: Sviad Gamsachurdia, zu Sowjetzeiten schon Dissident, allerdings mit eher zweifelhaftem Ruf, gewann als F\u00fchrer der nationalen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung im Oktober 1990 die Wahlen zum Obersten Sowjet der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien und f\u00fchrte das Land im April 1991 in die Unabh\u00e4ngigkeit. Im Mai 1991 wurde er zum ersten Pr\u00e4sidenten des Landes gew\u00e4hlt. Keine Frage, eine historische Leistung. Dann aber entpuppte er sich als Autokrat und entwickelte nahezu diktatorische Z\u00fcge im Innern. Gleichzeitig machte seine Parole \u201eWir Georgier sind endlich Herren im eigenen Haus und alle anderen sind unsere G\u00e4ste\u201c die nationalen Minderheiten \u2013 Abchasen, Osseten, aber auch Armenier und Aserbaidschaner \u2013 zu Menschen zweiter Klasse, statt sie \u2013 knapp 30 % der Bev\u00f6lkerung &#8211; in die neue Freiheit und auf Augenh\u00f6he mitzunehmen. Diese Politik ist der eigentliche Beginn der territorialen Konflikte, die das Land bis heute in seiner Entwicklung limitieren. Der Nationalist Gamsachurdia sah in seinen Georgiern das \u201eerstgeborene\u201c und \u201eproto-arische\u201c Volk Europas. Manch eine \u00f6ffentliche Rede Gamsachurdias, vor allem die zum 1. Jahrestag der Unabh\u00e4ngigkeit am 9. April 1992 im Dynamo-Stadion in Tiflis, hatte so gut wie gar nichts mit dem sanftm\u00fctigen, weisen Mann des Ovashvili-Films zu tun. Diese Rede \u2013 sie wurde mir damals in einer Video-Aufzeichnung vorgef\u00fchrt \u2013 erinnerte eher an den Berliner Sportpalast oder einen Film von Charlie Chaplin. Und viele, die Gamsachurdia am Anfang unterst\u00fctzt hatten, wandten sich von ihm ab, u.a. auch sein erster Premierminister Tengis Sigua. Als im September 1991 einige zehn tausend Demonstranten seinen R\u00fccktritt verlangten, lie\u00df Gamsachurdia, f\u00fcr den jeder Kritiker seiner Politik ein Agent des KGB war, in die Demonstranten schie\u00dfen. Die Folge, der zun\u00e4chst friedvolle Protest gegen Gamsachurdia f\u00fchrte an Weihnachten 1991 dann zu einem bewaffneten Aufstand, der viele Todesopfer forderte und mit der Flucht des Pr\u00e4sidenten und einiger Getreuer \u00fcber Armenien nach Tschetschenien Anfang Januar 1992 endete.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=2673\" rel=\"attachment wp-att-2673\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-2673\" title=\"gamsa_putsch_4_web\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsa_putsch_4_web.jpg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"460\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0<em>1. Gymnasium am Rustaveli-Prospekt im Januar 1992<br \/>\nnach dem Putsch &#8211; Fotos: Rainer Kaufmann<\/em><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich regierte dann zun\u00e4chst eine Milit\u00e4rjunta, die den fr\u00fcheren Au\u00dfenminister der UdSSR, Eduard Schewardnadse, als Spitzenmann holte. Noch im selben Jahr aber, am 11. Oktober, gab es eine Parlamentswahl, aus der Schewardnadse als Parlaments- und Staatspr\u00e4sident hervorging. Damit endete die v\u00f6lkerrechtlich durchaus fragw\u00fcrdige Phase der Milit\u00e4rjunta, die Regierung hatte eine demokratische Legitimation, sp\u00e4testens damit endete die Pr\u00e4sidentschaft Gamsachurdias, beziehungsweise sein m\u00f6glicher Anspruch auf dieselbe. Im Fr\u00fchjahr 1992 schon war Georgien von nahezu allen L\u00e4ndern der Welt, u.a. EU-Staaten und USA, v\u00f6lkerrechtlich anerkannt worden.<\/p>\n<p>Das Geschehen des Films spielt allerdings im Herbst 1993. Zwischen Georgien und Abchasien, einer Provinz, die sich f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rt hatte, war es zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen, die \u2013 auch dank der russischen Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Separatisten \u2013 mit einer verheerenden Niederlage Georgiens endeten. Diese Schw\u00e4che Georgiens nahm Gamsachurdia zum Anlass, mit ihm treuen Truppen Westgeorgien \u2013 er entstammt einer alten westgeorgischen Adelsfamilie \u2013 zu erobern und in Richtung Tiflis zu marschieren. Rechtlich ein mehr als zweifelhaftes Unterfangen, hatte sich die Regierung Schewardnadse doch in sauberen Wahlen demokratisch legitimiert. Nach Anfangserfolgen im Westen wurde der Aufstand Gamsachurdias dann aber in einer gemeinsamen Milit\u00e4raktion von Russland und Georgien niedergeschlagen. Der Ex-Pr\u00e4sident floh mit einigen Getreuen in die Vorgebirgslandschaft des Gro\u00dfen Kaukasus.<\/p>\n<p>Und genau da f\u00e4ngt der Film mit seiner Erz\u00e4hlung an. Aber das alles, was man zur historisch-politischen Einordnung Gamsachurdias eigentlich wissen m\u00fcsste, blendet der Film aus. Und deshalb bleibt auch der fahle Geschmack, dass mit diesem Film eine historische Figur mit durchaus zweifelhafter Politik eigentlich nur verharmlost wird, egal ob mit oder ohne Absicht. Ob das erlaubt ist, darf \u2013 bei aller Sympathie f\u00fcr das gro\u00dfe Erz\u00e4hlkino Ovashvilis \u2013 angezweifelt werden. Filme \u00fcber geschichtlich relevante Pers\u00f6nlichkeiten und Geschehen sollten dem Betrachter doch die M\u00f6glichkeit bieten, sie einzuordnen. Das Gamsachurdia-Bild, das dieser Film vermittelt, hat kaum etwas mit dem Mann zu tun, der Georgien in seiner kurzen Regierungszeit fast nur Probleme hinterlassen und das Land gespalten hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=2675\" rel=\"attachment wp-att-2675\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-2675\" title=\"gamsa_putsch_6_web\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsa_putsch_6_web.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"449\" srcset=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsa_putsch_6_web.jpg 283w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsa_putsch_6_web-94x150.jpg 94w, http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/gamsa_putsch_6_web-189x300.jpg 189w\" sizes=\"(max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Parlaments-Innenhof nach dem Putsch im Januar 1992<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filmkritik:\u201cVor dem Fr\u00fchling\u201c von Rainer Kaufmann \u00a0Vorbemerkung: Der fr\u00fchere deutsche TV-Journalist und jetzige Herausgeber der Kaukasischen Post \u00a0Rainer Kaufmann lebt seit den fr\u00fchen 90-er Jahren \u00fcberwiegend in Georgien und hat die politische Entwicklung von Gamsachurdia \u00fcber Schewardnadse und Saakaschwili bis &hellip; <a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2677\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":[],"categories":[1],"tags":[499,501,43,502,500],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2677"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2677"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2677\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2679,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2677\/revisions\/2679"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2677"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2677"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2677"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}