{"id":2355,"date":"2017-06-03T13:02:13","date_gmt":"2017-06-03T11:02:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2355"},"modified":"2017-06-03T13:02:13","modified_gmt":"2017-06-03T11:02:13","slug":"familien-und-weltgeschichte-als-nummernrevue","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2355","title":{"rendered":"Familien- und Weltgeschichte als Nummernrevue"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nino Haratischwilis \u201eDas achte Leben\u201c im Hamburger Thalia-Theater<br \/>\n<\/strong>Die Bedenken vor dem Besuch des Hamburger Thalia-Theaters sind kaum zu unterdr\u00fccken: Ist es wirklich m\u00f6glich, eine Familiensaga wie die von Nino Haratischwili, niedergeschrieben auf gewaltigen 1.280 Seiten, glaubw\u00fcrdig und f\u00fcr den Zuschauer nachvollziehbar auf die B\u00fchne zu bringen? F\u00fcnf Minuten nach Mitternacht und nach f\u00fcnf Stunden Auff\u00fchrung &#8211; inklusive einer 30-min\u00fctigen Pause &#8211; steht das Urteil: Ohne jeden Zweifel, ja. Das eigentlich Unm\u00f6gliche ist m\u00f6glich geworden. Ein unglaublich intensiver Theaterabend, gepr\u00e4gt nat\u00fcrlich vom \u00fcberragenden Stoff der Buch-Vorlage. Gepr\u00e4gt aber auch von theatralischen und schauspielerischen Glanzleistungen, im einzelnen wie im Ensemble &#8211; Buch, Dramaturgie und Regie selbstredend eingeschlossen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=411\" rel=\"attachment wp-att-411\"><img loading=\"lazy\" title=\"Nino Haratischwili\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/2012_2_titelbutton_nino.jpg\" alt=\"\" width=\"259\" height=\"175\" \/><\/a>Vor drei Jahren \u00fcberraschte die deutsch-sprachige Schriftstellerin Nino Haratischwili, geboren im Jahr 1983 in Tiflis, mit ihrem Buch: \u201eDas achte Leben (F\u00fcr Brilka)\u201c die Literaturszene in Deutschland. In diesem epochalen Geschlechter-Roman schildert sie das Sechs-Generationen-Schicksal der georgischen Familie Jaschi von der Zarenzeit \u00fcber die Oktoberrevolution, den Stalin-Terror, den 2. Weltkrieg, \u00fcber das Ende der Sowjetunion mit all den Aufl\u00f6sungserscheinungen bis hin zum Jahr 2005, als Brilka, die zw\u00f6lfj\u00e4hrige \u00a0Ur-Urenkeling des Familien-Oberhauptes Stasia, sich bei einer Theatertournee in Europa von ihrer Truppe entfernt und nicht mehr zur\u00fcck will ins postsowjetische Chaos Georgiens. Sie sitzt im belgischen Mechelen und soll von ihrer Tante Niza, die in Berlin lebt, nach Tiflis zur\u00fcck verfrachtet werden. Und Niza erz\u00e4hlt ihrer Nichte dann die gesamte Familiengeschichte von den T\u00f6chtern eines Schokoladenfabrikanten, Stasia und Christine, von Stasias Kindern Kostja und Kitty &#8211; der eine Revolution\u00e4r, Kriegsheld und sp\u00e4terer Partei-Funktion\u00e4r, die andere heimlich aus dem Land geschafft, da ihr ein Todesurteil drohte wegen Landesverrats. In London machte sie als Musikerin Karriere. Die n\u00e4chsten Generationen: Elene, Niza und Daria, die Mutter von Brilka. Dazu die Geschichte der Familie Eristawi, die drauf und dran war, in die Jaschi-Sippe einzuheiraten. Lebensl\u00e4ufe in allen Irrungen, die erz\u00e4hlt werden, f\u00fcr Brilka. Schicksale von 22 Personen, dargestellt von einem neunk\u00f6pfigen Ensemble. Eine Mammutaufgabe f\u00fcr die drei Frauen, die sich vorgenommen hatten, aus Haratischwilis Material eine B\u00fchnenfassung herauszufiltern.<\/p>\n<p>Sie \u2013 die Regisseurin Jette Steckel mit ihren Dramaturginnen Emilia Heinrich und Julia Lochte &#8211; l\u00f6sten ihre Aufgabe mit einem gleicherma\u00dfen genialen wie einfachen Theater-Kniff, einer Art Nummern-Revue n\u00e4mlich mit allerhand Spielarten: gespielten Szenen, Slapstick-, Gesangs- und Tanzeinlagen \u2013 solo oder im Ensemble &#8211; und dem einen oder anderen Monolog. Fast alle im Laufe der Geschichte neu Geborenen zum Beispiel stellen sich und die Umst\u00e4nde ihrer Geburt selbst vor mit einem solchen Monolog, vorgetragen im Kleinkinderjargon. Herrlich witzig. Und auf den Hintergrund der Drehb\u00fchne &#8211;\u00a0 ein \u00fcberdimensionierter Teppich, der von einer ebensolchen Rolle von oben herabgelassen wird, eigentlich ein Raumteiler der Drehb\u00fchne, \u2013 auf diesen Hintergrund werden zu einem Gro\u00dfteil der Szenen dokumentarisches Filmmaterial aus der jeweiligen Zeit projiziert. So entsteht eine intensive Gesamtschau von theatralischen und dokumentarischen Impressionen aus mehr als 100 Jahren Familien- und Weltgeschichte, die einen vor allem vor der Pause von Minute zu Minute mehr und mehr in ihren Bann zieht. Von wegen M\u00fcdigkeit oder Gefahr, einem Nickerchen anheimzufallen. Nach der Pause allerdings hat man gelegentlich den Wunsch, das St\u00fcck w\u00fcrde sein Ende etwas schneller finden k\u00f6nnen. Aber diese Kritik kann man auch am Buch von Haratischwili \u00fcben. Es h\u00e4tten auch da einige Seiten weniger getan.<\/p>\n<p>Sie selbst beschreibt ihr Buch so: \u201eIch verdanke diese Zeilen einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat, alle die, die hofften. Ich verdanke diese Zeilen einem lange anhaltenden Verrat, der sich wie ein Fluch \u00fcber meine Familie gelegt hatte.\u201c Eine Familie, in der jeder alles war, Opfer und T\u00e4ter in einer Person. Bis auf Brilka, aber die hat ja ihr Leben noch vor sich\u2026.<\/p>\n<p>In dieser Spielzeit ist das St\u00fcck noch drei Mal zu sehen: am 28. und 29. Juni und am 7. Juli. Beginn jeweils 19.00 Uhr, Ende etwa um Mitternacht. In der n\u00e4chsten Spielzeit wird das St\u00fcck erneut aufgenommen, es gibt also noch jede Menge an Terminen f\u00fcr einen Theater-Tripp nach Hamburg. Er lohnt auf alle F\u00e4lle schon gar f\u00fcr Leute, die eventuell Nino Haratischwili kennen oder ihr Buch gelesen haben oder ihr etwa in einer Lesung zugeh\u00f6rt haben. Und wer es noch nicht gelesen hat, so haben einige der Zuschauer auf Nachfrage in der Pause erkl\u00e4rt, der will das jetzt unbedingt nachholen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nino Haratischwilis \u201eDas achte Leben\u201c im Hamburger Thalia-Theater Die Bedenken vor dem Besuch des Hamburger Thalia-Theaters sind kaum zu unterdr\u00fccken: Ist es wirklich m\u00f6glich, eine Familiensaga wie die von Nino Haratischwili, niedergeschrieben auf gewaltigen 1.280 Seiten, glaubw\u00fcrdig und f\u00fcr den &hellip; <a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2355\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2355"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2355"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2356,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2355\/revisions\/2356"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}