{"id":2350,"date":"2017-05-17T17:29:37","date_gmt":"2017-05-17T15:29:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2350"},"modified":"2017-05-17T17:29:37","modified_gmt":"2017-05-17T15:29:37","slug":"sind-nur-institutionelle-beziehungen-auch-wirklich-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2350","title":{"rendered":"Sind nur institutionelle Beziehungen auch wirklich Beziehungen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kommentar von Rainer Kaufmann zu einer Podiumsdiskussion im DGJ<br \/>\n<\/strong>Vor f\u00fcnf Jahren fand anl\u00e4sslich des 20-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der diplomatischen Anerkennung Georgiens durch die Bundesrepublik eine deutsche Woche in Georgien statt, u.a. mit einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema, moderiert von keinem Geringeren als dem deutschen TV-Dino Fritz Pleitgen. Die KaPost kritisierte diese Diskussion damals besonders heftig (Originaltext: s.u.), weil zum allumfassenden Thema der deutsch-georgischen Beziehungen nur Vertreter von staatlichen Institutionen und Geisteswissenschaftler auf dem Podium sa\u00dfen. Vertreter privater Organisationen oder Vertreter der Wirtschaft etwa wurden nicht aufs Podium gebeten. Jetzt, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter: dasselbe Bild. Wieder eine Podiumsdiskussion, veranstaltet am n\u00e4chsten Dienstag von der Deutschen Botschaft. Und auf dem Podium wieder nur zwei ehemalige \u00a0Diplomaten, also Vertreter von Regierungs-Institutionen, und zwei Geistes-Wissenschaftler, moderiert von einer deutschen TV-Journalistin. Kein Vertreter der ansonsten ach so hoch gelobten Zivilgesellschaft, die zu unterst\u00fctzen Deutschland einiges an Geld ausgegeben hat. Kein Vertreter der Wirtschaft, als ob die Zukunft der deutsch-georgischen Beziehungen nicht auch \u2013 oder gerade vor allem \u2013 in der Wirtschaft gelebt und erfahren werden kann. Wenn es um das Sponsoring des Deutsch-Georgischen Jahres geht, ist die Wirtschaft selbstverst\u00e4ndlich aufgefordert, sich zu engagieren. Wenn es darum geht, die deutsch-georgischen Beziehungen zu ergr\u00fcnden, ihre Vergangenheit, die Erfahrungen aus dieser Vergangenheit, die Probleme der Gegenwart und vor allem die Chancen f\u00fcr die Zukunft \u2013 dann werden Wirtschaft und Zivilgesellschaft anscheinend nicht ben\u00f6tigt. Da bleiben die Institutionen und ihre Vertreter gerne unter sich. Alle anderen, immerhin, d\u00fcrfen hinterher Fragen stellen. Das f\u00fchlt sich ungeheuer nach Obrigkeitsstaat an, jedenfalls nicht nach dem Gesellschaftsmodell, das mit deutschen Steuergeldern weltweit propagiert wird, auch in Georgien.<br \/>\nDie Beziehungen zwischen zwei L\u00e4ndern w\u00fcrden nicht nur von den Institutionen gelebt, sie w\u00fcrden vor allem von Menschen gelebt, hat der georgische Botschafter in Berlin, Lado Tschanturia, k\u00fcrzlich bei einer Veranstaltung im Rahmen des DGJ im badischen Plankstadt erkl\u00e4rt. Bis zur Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Tiflis hat sich diese Erkenntnis wohl noch nicht herumgesprochen.<\/p>\n<p><em>Zur Information hier die KaPost-Kritik \u00fcber die Podiumsdiskussion bei der Deutschen Woche 2012, erschienen im Juni 2012:<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0\u201eIm Prinzip ausgezeichnet, es muss nur anders werden\u201c<br \/>\nKritische Anmerkungen zu einer Podiumsdiskussion<\/strong><\/p>\n<p>Wer in einem \u00f6ffentlichen Forum kompetent \u00fcber Geschichte reden will, l\u00e4dt sich Historiker ein. Wer \u00fcber Politik reden will, Politologen, vielleicht auch Politiker. Wer \u00fcber Wirtschaft reden will, Vertreter der Wirtschaft. Wer \u00fcber Kultur reden will, K\u00fcnstler oder Kritiker.<\/p>\n<p>Bei der als \u201ekritische Bestandsaufnahme\u201c angek\u00fcndigten Podiumsdiskussion zum Stand der deutsch-georgischen Beziehungen nach 20 Jahren erneuerten diplomatischen Miteinanders wurde \u00fcber all diese Bereiche und einige mehr geredet. Auf dem Podium aber sa\u00dfen nur Geisteswissenschafter und Vertreter staatlicher Institutionen. Leute mithin, die sich seit Jahren wenn nicht t\u00e4glich, so doch mindestens w\u00f6chentlich begegnen bei Arbeitssitzungen, Konferenzen oder auf Empf\u00e4ngen. Und mit Fritz Pleitgen ein Moderator, der seine Kenntnisse \u00fcber Georgien im Wesentlichen aus seiner Zeit als ARD-Korrespondent im sozialistischen Moskau des letzten Jahrhunderts bezog und aus einer mehrw\u00f6chigen TV-Produktion im \u201ewilden\u201c Kaukasus vor 13 Jahren. Kontroverse Diskussionen versprach er sich und der mehr als \u00fcberschaubaren Zuh\u00f6rerschaft, die er gerne schlichten wolle.<\/p>\n<p>Bei der Zusammenstellung des Podiums war diese Kompetenz des erfahrenen deutschen TV-Profis allerdings nicht gefragt. Die Diskussion pl\u00e4tscherte \u00fcber mehr als eine Stunde vor sich hin mit einer Auflistung altbekannter Geschichten aus der gemeinsamen Geschichte und Gegenwart, ohne diese dann kritisch zu hinterfragen, wo es h\u00e4tte spannend werden k\u00f6nnen. Zum Beispiel die \u201ePatenschaft\u201c des Deutschen Reiches f\u00fcr die erste Unabh\u00e4ngigkeit Georgiens vor 100 Jahren. Dass Berlin damals in Georgien handfeste wirtschaftliche und vor allem auch milit\u00e4rische Interessen verfolgte und nicht nur von der Freundschaft zum georgischen Volk und seinem Willen nach Unabh\u00e4ngigkeit geleitet war, wurde nicht dazugesagt. Dies w\u00e4re vergleichender Stoff gewesen, um die Situation der deutschen Au\u00dfenpolitik heute zu analysieren, oder die georgische Au\u00dfenpolitik im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Interessen seiner internationalen Partner.<\/p>\n<p>Da wurde \u00fcber die schleppenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Georgien gesprochen und die \u201eentt\u00e4uschende\u201c Tatsache, dass eine namhafte deutsche Kaffeemarke es abgelehnt habe, nach Georgien zu kommen, oder dass man nicht wisse, ob sich hinter der Mercedes-Vertretung in Tiflis auch wirklich Mercedes verbirgt oder jemand anderer. Oder dass deutsche Firmen nur ihre Produkte hier verkaufen wollten, statt zu investieren, zu produzieren und hier einzukaufen. Und dass deshalb Georgien gezwungen w\u00e4re, seine Produkte an T\u00fcrken zu verkaufen. Kein Widerspruch oder Nachhaken vom Moderator.<\/p>\n<p>Dass georgische Produkte in vielen Bereichen einfach die auf europ\u00e4ischen M\u00e4rkten geforderten Standards nicht erf\u00fcllen und dass daran zu arbeiten w\u00e4re, wurde nicht gesagt. Oder dass es in der Welt, insbesondere vor der Haust\u00fcr Georgiens, auch andere M\u00e4rkte gibt, in denen das Land Absatzchancen hat und durchaus Erfolge vorzeigen kann. Warum glaubt man bei deutsch-georgischen Diskussionen \u00fcber Wirtschaft immer, Deutschland sei der wichtigste Absatzmarkt f\u00fcr georgische Produkte? Warum kann Georgien f\u00fcr deutsche Unternehmen nicht als Basis dienen, andere M\u00e4rkte zu bedienen? Und, schlie\u00dflich, warum \u00fcberlassen Geisteswissenschaftler nicht den M\u00e4rkten, diese Dinge zu regeln? Die verstehen etwas von der Materie.<\/p>\n<p>Dass es viele deutsche Firmen gibt, die in Georgien investieren und produzieren \u2013 sicher k\u00f6nnten es mehr sein \u2013 wurde so gut wie nicht angesprochen. Firmen \u00fcbrigens, die sich bei vielen Gelegenheiten gerne als Sponsoren zur Verf\u00fcgung stellen, so auch auf dem Plakat der Deutschen Woche. Wenn sich die Beh\u00f6rden aber auf eine deutsch-georgische Selbstreflektion begeben, ist auf dem Podium kein Platz f\u00fcr andere. Da bleibt man lieber unter sich. Dass die Beziehungen zwischen zwei L\u00e4ndern auch au\u00dferhalb der regierungsamtlichen Ebenen stattfinden und dort eigentlich erst richtig ge- und belebt werden, wurde bei der Besetzung des Podiums \u00a0\u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Lediglich bei zwei Themenbereichen kam so etwas wie Spannung auf. Etwa bei der Frage, ob denn Deutschland die vielen Erwartungen der georgischen \u00d6ffentlichkeit in den letzten zwei Jahrzehnten erf\u00fcllt h\u00e4tte. Die Erwartungen damals seien nat\u00fcrlich auch zu romantisch gewesen, nicht alles, was man sich versprochen habe, wurde erf\u00fcllt wie etwa diese: \u201eDie Deutschen kommen und erkl\u00e4ren uns die neue Welt.\u201c \u201eEine entt\u00e4uschte Liebe\u201c wollte man die Diskussion in der Planungsphase betiteln. H\u00e4tte man es doch bei diesem Titel belassen, der Moderator h\u00e4tte dann wenigstens eine Vorgabe gehabt, an der er sich durch das Gespr\u00e4ch h\u00e4tte hangeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn die entt\u00e4uschte Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, die Stellung Deutschlands in der georgischen Politik zum Beispiel, die heute schon lange nicht mehr mit der von 20 Jahren zu vergleichen ist, w\u00e4re ein Thema gewesen, das aufzuarbeiten sich gelohnt h\u00e4tte. Zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, warum bei dieser eigentlich wichtigen Diskussion, wie sp\u00e4ter auch bei der Er\u00f6ffnung der gro\u00dfen Ausstellung, noch nicht einmal politische C-Prominenz aus Georgien anwesend war. Da muss sich in den letzten 20 Jahren doch etwas ver\u00e4ndert haben. Aber was?<\/p>\n<p>Investitionssicherheit, warf der Moderator ein, sei eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr wirtschaftliches Engagement. Eine Binse. Aber warum hat dann niemand erkl\u00e4rt, dass Georgien mit erheblicher\u00a0 Finanzierung und Beratung durch die Bundesrepublik als erstes Land der fr\u00fcheren Sowjetunion ein Katasterwesen und Bodenrecht bekamt, das Grund und Eigentum sichert und so eine der Grundlagen der jetzt m\u00f6glichen Investitionen ist? Von dieser Grundlage profitieren Investoren aus allen Teilen der Welt, nicht zuletzt das Land selbst.<\/p>\n<p>Wie immer nahm das georgische Themen-Trauma Russland-Europa-NATO einen gro\u00dfen Raum in der Diskussion ein. An Deutschland wurde die Erwartung herangetragen, Mediator f\u00fcr einen \u201egro\u00dfen Vertrag\u201c mit dem russischen Nachbarn zu sein. Dass Georgien sein Verh\u00e4ltnis zu Russland mit seinem Streben nach NATO- und EU-Vollmitgliedschaft selbst in \u00dcbereinstimmung bringen muss, hat Fritz Pleitgen mit seiner Moskau-Erfahrung wenigstens zu thematisieren versucht. Ganz sicher ist auch diese heutige Erwartung viel zu romantisch, um sie im Beziehungsgeflecht zwischen Europa, Russland und Georgien in absehbarer Zeit auch nur andenken zu k\u00f6nnen. Zumal es in Europa kein Konzept gibt, wie man mit dem Kaukasus umzugehen gedenkt, wie auf dem Podium vermerkt wurde. Eine der wenigen Phasen dieses Gespr\u00e4chs, wo immerhin im Ansatz so etwas wie analytisches Bem\u00fchen erkennbar war.<\/p>\n<p>Das Zuh\u00f6rer-Interesse war \u00fcberschaubar. Bei Er\u00f6ffnung des Podiums mit akademischer Viertelstunde waren nicht einmal 30 Zuh\u00f6rer da, institutionelle Mitarbeiter eingeschlossen. Wie h\u00e4tten auch mehr kommen sollen, wenn au\u00dfer Fritz Pleitgen nicht einer der Podiumsteilnehmer vorher \u00f6ffentlich bekannt gegeben wurde? Und so zugkr\u00e4ftig ist der deutsche TV-Dinosaurier im Kaukasus dann auch nicht. Immerhin hatte er aus dem Zettelkasten langj\u00e4hriger Moderatoren-Erfahrung einen passenden Schlusssatz parat: \u201eDie Beziehungen sind im Prinzip ausgezeichnet, es muss nur einiges anders werden.\u201c F\u00fcr die Moderation eines TV-Presseclubs reicht so ein Zettelkasten, da sind die Podien kontrovers genug besetzt, da darf ein Moderator inhaltlich nicht eingreifen, er darf nur \u201eB\u00e4lle\u201c verteilen. Bei der Zusammensetzung des Podiums in Tiflis, wo Kenntnisse im Detail von Nutzen gewesen w\u00e4ren, war Pleitgen mit diesem, seinem TV-Latein schnell am Ende.<\/p>\n<p>So wurde eine gute Chance, das deutsch-georgische Miteinander gr\u00fcndlich und analytisch aufzuarbeiten, schlichtweg vergeigt. An den Diskussionsteilnehmern hat es nicht gelegen. Ihnen wurden nur die falschen St\u00fchle untergeschoben.<br \/>\n<em><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Rainer Kaufmann<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar von Rainer Kaufmann zu einer Podiumsdiskussion im DGJ Vor f\u00fcnf Jahren fand anl\u00e4sslich des 20-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der diplomatischen Anerkennung Georgiens durch die Bundesrepublik eine deutsche Woche in Georgien statt, u.a. mit einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema, moderiert von keinem &hellip; <a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2350\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2350"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2350"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2351,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2350\/revisions\/2351"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}