{"id":2253,"date":"2017-02-22T16:59:41","date_gmt":"2017-02-22T15:59:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2253"},"modified":"2017-02-25T09:56:02","modified_gmt":"2017-02-25T08:56:02","slug":"gift-und-galle-im-georgischen-patriarchat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2253","title":{"rendered":"Gift und Galle im georgischen Patriarchat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer steckt hinter der Inszenierung um die geplante Ermordung des Patriarchen?<\/strong><\/p>\n<p>Umberto Eco, lebte er noch, h\u00e4tte sicher ein besonderes Interesse an dem Drama gefunden, das sich rund um den georgischen Patriarchen in den letzten zwei Wochen abgespielt hat. Dabei war dieser zun\u00e4chst einmal v\u00f6llig au\u00dfen vor, er lag gut bewacht in einer Berliner Klinik und wurde dort \u2013 erfolgreich &#8211; an der Galle operiert. Mittlerweile ist Ilia II. wieder zur\u00fcck in Tiflis und will sich jetzt \u2013 zusammen mit den zust\u00e4ndigen Staatsorganen &#8211; um die Aufkl\u00e4rung des mysteri\u00f6sen Falles k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Soweit derzeit \u00fcberhaupt m\u00f6glich, sei zun\u00e4chst einmal das bisher bekannte Geschehen rekonstruiert: Noch bevor das Oberhaupt der orthodoxen Kirche Georgiens in Berlin \u00fcberhaupt operiert worden war, meldete der Generalstaatsanwalt in Tiflis einen ganz besonderen Coup. Kurz vor dessen Abflug nach Deutschland habe man im Tifliser Flughafen einen Priester aus dem Patriarchat verhaftet, in dessen Gep\u00e4ck eine gewisse Menge an Zyanid gefunden wurde, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft jedenfalls ausreichend, um einen oder gar mehrere Morde zu begehen. Tage zuvor schon habe man aufgrund einer Anzeige die Ermittlungen aufgenommen. Der Informant, so der Staatsanwalt, sei von dem Priester um die Lieferung des Giftes und um andere obskure Dienstleistungen gebeten worden, weil er angeblich einen oder mehrere hochrangige Kleriker des Patriarchats ermorden wollte. Obwohl noch keine gesicherten Beweise vorlagen und die Herkunft des Giftes im Gep\u00e4ck nicht gekl\u00e4rt war, da der Beschuldigte\u00a0\u00a0 alle Vorw\u00fcrfe bestritt, wurde er mit vollem Namen der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert und damit nahezu vorverurteilt. Bei der \u00d6ffnung seines Koffers sei er nicht hinzugezogen worden, erkl\u00e4rte er Tage sp\u00e4ter. Er und sein Anwalt mussten \u00fcberdies eine Verpflichtung unterschreiben, keine Ermittlungsdetails an die \u00d6ffentlichkeit zu bringen, da der Fall als geheim klassifiziert wurde. Der Staatsanwalt allerdings ging mit teilweise abenteuerlichen Spekulationen kaum einem Mikrofon aus dem Weg, ohne auch nur ein einziges Mal ein belastbares Ergebnis vorweisen zu k\u00f6nnen. Einem vom Verd\u00e4chtigen sp\u00e4ter hinzugezogenen zweiten Anwalt hat nach dessen Aussagen die Staatsanwaltschaft gar mit der Er\u00f6ffnung eines eigenen Ermittlungsverfahrens gegen ihn gedroht, sollte er die einseitige Schweigeverpflichtung nicht unterschreiben.<br \/>\nDie \u00f6ffentlichen Reaktionen kamen prompt: Premierminister Kwirikaschwili lobte die Sicherheitsorgane \u00fcberschw\u00e4nglich, die mit ihrer Arbeit eine Katastrophe verhindert und gro\u00dfen Schaden nicht nur von der Kirche sondern vom ganzen Land abgewendet h\u00e4tten. Dies zu einer Zeit, als noch nicht einmal ein einziger Verdachtsmoment erh\u00e4rtet worden war. Kwirikaschwili, ohnehin auf dem Wege nach Deutschland, besuchte den Patriarchen denn auch kurz nach dessen Operation. Er offenbarte allerdings auch, dass er von der Staatsanwaltschaft von Anfang an \u00fcber den Verdacht und die Ermittlungen\u00a0 unterrichtet worden sei und er den Stand des Verfahrens st\u00e4ndig unter Kontrolle gehabt h\u00e4tte.\u00a0 Soviel, ganz nebenbei, zur Unabh\u00e4ngigkeit der staatlichen Ermittlungsorgane von der Regierung. Andere Spitzenpolitiker \u00e4u\u00dferten sich ebenso eindeutig, was ihnen heftige Kritik des Ombudsmannes und von Menschenrechtsorganisationen angesichts des recht eigenwilligen Verst\u00e4ndnisses eines rechtsstaatlichen Ermittlungsverfahrens einbrachte. Die Unschuldsvermutung sei vollkommen missachtet worden, ebenso seien die Rechte der Verteidigung infolge des Stillschweigegebots durch die Staatsanwaltschaft beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Als sp\u00e4ter dann selbst der Staatsanwalt zur\u00fcckruderte und erkl\u00e4ren musste, der Verd\u00e4chtige habe es vermutlich doch wohl \u201enur\u201c auf das Leben der Privat-Sekret\u00e4rin des Patriarchen, einer unter dem oberen Klerus durchaus umstrittenen Frau, abgesehen, musste der Regierungschef auf Journalistenfrage kleinlaut eingestehen: \u201eEinen Priester daran zu hindern, mit t\u00f6dlichem Gift das Land zu verlassen, ist das nicht die Verhinderung einer gro\u00dfen Katastrophe?\u201c Wie gesagt, bewiesen war zu diesem Zeitpunkt noch nichts, geschweige denn letztinstanzlich per Gericht entschieden.<\/p>\n<p>Die ganze Geschichte w\u00fcrde eigentlich zur Tragik-Kom\u00f6die ausarten, w\u00fcrde man alle Stellungnahmen von Politikern und geistlichen W\u00fcrdentr\u00e4gern der letzten Tage zitieren. Viel spannender d\u00fcrfte die Frage sein, wer &#8211; mit welchen m\u00f6glichen Motiven &#8211; hinter dieser Inszenierung steckt, sollte man dem Priester am Ende die unterstellten Mordabsichten doch nicht nachweisen k\u00f6nnen. Allerdings, wenn auf der einen Seite die Unschuldsvermutung reklamiert wird, kann man auch die Schuldvermutung nicht komplett ausschlie\u00dfen. Der Priester allerdings genie\u00dft nach nahezu allen Stellungnahmen aus Kleriker-Kreisen einen guten Ruf im Patriarchat. Er ist in der kirchlichen Hierarchie eher im unteren Bereich anzusiedeln, war aber in einer f\u00fchrenden Stelle in der Wirtschaftsabteilung des Patriarchats besch\u00e4ftigt und damit mit der Aufsicht \u00fcber das kommerzielle Verhalten vieler Betriebe und Unternehmen der Kirche. Prompt ver\u00f6ffentlichte der Oppositionssender Rustavi 2, der derzeit selbst im Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzungen um die Rundfunkfreiheit in Georgien steht, einen Brief, in dem der Priester dem Patriarchen von kriminellen Machenschaften in den kirchlichen Wirtschaftsbetrieben berichtete, von Geldunterschlagungen und hohen Verlusten zum Beispiel im Klinikbereich. Der Brief konnte zwar vom Beschuldigten nicht autorisiert werden, da er ihm das Original, aus dem Rustavi 2 zitierte, nicht zur Verf\u00fcgung stand. Nach Auskunft seines Anwaltes aber seien die in dem Brief enthaltenen Vorw\u00fcrfe zutreffend, der Priester habe sie dem Patriarchen mehrfach vorgetragen. Die Vermutung, ebenfalls \u00f6ffentlich mehrfach ge\u00e4u\u00dfert, lag also nahe, es k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise bestimmte Kreise im Patriarchat geben, die &#8211; vielleicht sogar in Zusammenarbeit mit entsprechenden Kreisen der Regierung &#8211; den kritischen Priester ausschalten wollten, indem sie ihm ein Mordkomplott unterstellten. Als Begr\u00fcndung f\u00fcr diesen Verdacht wurde auch das doch eigenartige Ermittlungsverfahren des Generalstaatsanwaltes angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>In der Tat ist der kommerzielle Komplex des Patriarchats nahezu undurchschaubar. Das hat vor allem mit dem im Jahr 2002 noch unter Schewardnadse abgeschlossenen Konkordat zwischen dem georgischen Staat und der Kirche zu tun, ein Vertrag, dem sich Schewardnadse lange widersetzt hatte. Der endg\u00fcltige Text wurde denn auch an seiner Staatskanzlei und Regierung vorbei vom Patriarchat direkt mit einem Parlamentsausschuss ausgehandelt. Und Schewardnadse wurde von der Patriarchats-treuen Mehrheit seiner Partei gezwungen, das Konkordat zu unterzeichnen. Das geschah im Herbst 2002 in der Kathedrale Sweti Zchoweli in Mzcheta. Als der Patriarch sofort nach der Unterzeichnung des Jahrhundertvertrages mit dem Zelebrieren einer feierlichen Messe begann, verlies das Staatsoberhaupt mehr oder weniger demonstrativ die Kathedrale und begab sich zu dem gro\u00dfen Volksfest in den Stra\u00dfen der einstigen georgischen Hauptstadt: Mzchetoba.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=2252\" rel=\"attachment wp-att-2252\"><img loading=\"lazy\" title=\"OLYMPUS DIGITAL CAMERA\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/2017_02_online_patriarchat_P1010070.jpg\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"305\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der heilige Synod bei der Unterzeichnung des Konkordats am<br \/>\n14. September 2002\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 (Foto: Rainer Kaufmann)<\/p>\n<p>In dem Konkordat wird der Orthodoxie eine besondere Rolle innerhalb der Religionen des Landes zugebilligt, der eigentliche Wunsch des Patriarchats, Staatsreligion zu werden, konnte angesichts europ\u00e4ischer Verpflichtungen &#8211; Georgien war damals schon Mitglied des Europarates \u2013 nicht erf\u00fcllt werden. Neben einigen Sonderrechten sind es vor allem die wirtschaftlichen Vorteile, die sich die Orthodoxie in diesem Konkordat hat zusichern lassen, zum Beispiel\u00a0 Steuerfreiheit aller kirchlichen Unternehmen. Damit sind diese nahezu jeder \u00f6ffentlichen Finanzkontrolle entzogen. Dar\u00fcberhinaus bekommt die Kirche j\u00e4hrlich zig Millionen aus dem Staatshaushalt als Subvention, bisher mehr als 250 Millionen insgesamt, wie eine NGO dieser Tage erkl\u00e4rte. Und: Seit dem Jahr 2002 wurden ihr rund 1 Million Hektar Grund und Boden zur\u00fcckgegeben, das sind 10.000 Quadratkilometer, angeblich alles Besitz aus vorsozialistischen Zeiten, allein mehr als 1.500 qkm an W\u00e4ldern, diese allerdings nicht als Besitz. Sie d\u00fcrfen von der Kirche lediglich gemanagt und wirtschaftlich verwertet werden. In einer nachhaltigen Forstwirtschaft deutschen Stils k\u00f6nnten etwa vier Forstamtsleiter, 40 F\u00f6rster und rund 200 Waldarbeiter auf dieser Fl\u00e4che besch\u00e4ftigt werden.<\/p>\n<p>Die Orthodoxie istsomit ohne Frage einer der gr\u00f6\u00dften Grundbesitzer des Landes, wenn nicht sogar der gr\u00f6\u00dfte. Wieviel Arbeitspl\u00e4tze damit geschaffen werden, ist nicht bekannt. Eine wirtschaftliche Macht, die kaum einer durchschaut, am wenigsten \u2013 vermutlich \u2013 der Patriarch. Und ein Geflecht an Abh\u00e4ngigkeiten, in dem es sich manch ein Kleriker wohl recht gem\u00fctlich eingerichtet hat sehr zum Verdruss anderer, die dem kirchlichen Kommerztreiben eher distanziert zuschauen. Mit der Intrige um den angeblich mordl\u00fcstigen Priester wurde wohl ein tiefer Riss innerhalb des Patriarchats und der Kirche sichtbar, der Insidern schon lange bekannt gewesen sein soll.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Indizien, die den tiefen Riss innerhalb der Orthodoxie nicht nur mit wirtschaftlichen Fragen erkl\u00e4ren. Wenngleich die deutsche katholische Nachrichtenagentur KNA in einem Artikel zu dem Giftskandal in Georgien konstatiert, dass sich die \u201egrusinische Mafia\u201c aus fr\u00fcheren Zeitennicht nur in vielen Bereichen der Politik und Wirtschaft Georgiens wieder ausgebreitet habe, sondern auch in der georgischen Orthodoxie, sieht sie auch einen tiefen Riss zwischen Ultra-Orthodoxen und damit Gegnern jeglicher \u00d6kumene, w\u00e4hrend sie Ilia II. genau das Gegenteil attestiert, n\u00e4mlich eine offenere Haltung anderen Glaubensgemeinschaften gegen\u00fcber, insbesondere der Katholischen Kirche. Dieser Riss sei beim j\u00fcngsten Besuch von Papst Franziskus in Georgien im Herbst vergangenen Jahres offensichtlich geworden, wo sich Ilia II. habe deutlich zur\u00fcckhalten m\u00fcssen. Teile des georgischen Patriarchats seien eher auf der Seite des Moskauer Patriarchen und damit des Kreml zu verorten, denen es ein Dorn im Auge sei, dass Ilia II. wieder Anschluss an die Weltorthodoxie um Patriarch Bartholomaios II. von Konstantinopel suche, von der sich Russen, Bulgaren und Georgier durch ihre Ablehnung des Konzils von Kreta im Juni 2016 isoliert hatten.<\/p>\n<p>Ob kommerzielle oder kirchliche Streitfragen, bekannt ist seit einiger Zeit, dass die einige Treffen des heiligen Synods im vergangenen Jahr jeweils mit tiefen Zerw\u00fcrfnissen innerhalb des Klerus endeten. Ob Ilia II., in dessen Abwesenheit diese inneren Konflikte \u00f6ffentlich aufbrachen, noch einmal die Kraft hat, seinen Klerus zu einigen, darf abgewartet werden. Gleich nach seiner Ankunft hat er erkl\u00e4rt, er wolle den beschuldigten Priester pers\u00f6nlich treffen, dem er allerdings aus Deutschland schon bescheinigte, er habe bisher nur Gutes \u00fcber ihn geh\u00f6rt. Das Treffen hat Ilia II. dann aus Gesundheitsgr\u00fcnden abgesagt, allerdings erst, nachdem er einige wichtige Funktionstr\u00e4ger des Landes empfangen hatte: den Pr\u00e4sidenten, den Premier, einige Minister, den Generalstaatsanwalt. Ein Treffen des Priesters mit hohen Klerikern des Patriarchats, wie von diesem als Ersatz f\u00fcr eine eventuelle Absage des Patriarchen gew\u00fcnscht,\u00a0 hat der Staatsanwalt aus Sicherheitsgr\u00fcnden verhindert. Er hat den Klerus auch aufgefordert, den beschuldigten Priester nicht in der Untersuchungshaft zu besuchen. Die Frage stellen sich jetzt viele Beobachter: Haben sich Patriarchat und Staatsorgane bereits auf ein Ermittlungsergebnis geeinigt?<br \/>\nRainer Kaufmann<\/p>\n<p>Einen Artikel aus dem Jahr 2002 \u00fcber den Abschluss des Konkordats, erschienen auf der damaligen Webseite georgien-news finden Sie <a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/georgien-news_02_16_Vers\u00f6hnung_von_Staat_und_Orthodoxie.pdf\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer steckt hinter der Inszenierung um die geplante Ermordung des Patriarchen? Umberto Eco, lebte er noch, h\u00e4tte sicher ein besonderes Interesse an dem Drama gefunden, das sich rund um den georgischen Patriarchen in den letzten zwei Wochen abgespielt hat. 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