{"id":2117,"date":"2016-10-04T08:09:33","date_gmt":"2016-10-04T06:09:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2117"},"modified":"2016-10-04T08:15:55","modified_gmt":"2016-10-04T06:15:55","slug":"droht-die-reform-der-berufsausbildung-zu-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2117","title":{"rendered":"Droht die Reform der Berufsausbildung zu scheitern?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"><strong>Internationale Experten fordern in vertraulichem Papier die Regierung zum Handeln auf<\/strong><\/span><\/p>\n<p>In der Internationalen Zusammenarbeit werden j\u00e4hrlich mehrere Zehntausend Seiten an Fortschrittsberichten gedruckt, die in der Regel die Botschaft enthalten: Alles richtig gemacht, Ziele erreicht, die n\u00e4chste Stufe kann beginnen, das hei\u00dft vor allem, die n\u00e4chste \u00dcberweisung von den Geldgebern aus aller Welt kann abgerufen werden. Und alle sind zufrieden, die Geldgeber, die Empf\u00e4nger-Regierungen und das Consulting-Gewerbe aus aller Welt. Jetzt hat eine Gruppe ausl\u00e4ndischer Berater auf dem Gebiet der Reform der georgischen Berufsausbildung ein Papier verfasst &#8211; das Papier liegt der Kaukasischen Post vor -, das einen ganz anderen Schluss zul\u00e4sst. Die Kerns\u00e4tze: &#8222;Es w\u00e4re falsch, zu behaupten, dass die Reform der Berufsausbildung gescheitert ist. Erfolge sind dokumentiert, und damit hat das Management, das hei\u00dft die Verantwortungstr\u00e4ger f\u00fcr die Durchf\u00fchrung, viele Dinge richtig gemacht und die gestellten Aufgaben erf\u00fcllt. Allerdings ist die Wirkung der bisherigen Reformbem\u00fchungen mangelhaft und damit die Frage, ob die Reformagenda die richtigen Dinge beinhaltet, mit Nein zu beantworten.&#8220; Und: <strong>&#8222;Die wirklich gro\u00dfen Herausforderungen wurden mit der Reform bisher nicht gel\u00f6st, zudem steht der betriebene Aufwand in keinem vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zur Anzahl (erfolgreicher?) Berufsschul-Absolventen.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"color: #000000;\">Seit dem Jahr 2013 arbeiten auf Wunsch der georgischen Regierung und auf der Basis internationaler und bilateraler Vertr\u00e4ge eine Vielzahl internationaler Organisationen mit ihren Experten an der Reform der Berufsausbildung. Das Ziel ist, die Berufsausbildung von einer rein schulischen Veranstaltung zu einem &#8222;Work-based Learning&#8220; zu bringen, worunter eine Anlehnung an die <span style=\"font-family: Arial;\">\u00a0<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Duale Berufsausbildung nach deutschem und schweizerischen Muster zu verstehen ist. Im Pool der internationalen Organisationen, die sich dem Thema widmen, sind unter anderen die deutsche GIZ, die EU, UNDP (United Nations Development Cooperation, von SDC &#8211; Suisse Development Cooperation finanziert), die amerikanische MCC\/MCA (Millenium Chanel Account) die IHK-M\u00fcnchen in Kooperation mit der GCCI (Georgian Chamber of Commerce and Industry) und einige andere mehr. Teilweise werden die internationalen Aktivit\u00e4ten koordiniert, teilweise laufen sie nebeneinander her oder gelegentlich auch gegeneinander. Die deutsche GIZ hat zum Beispiel ihren Schwerpunkt auf die Berufsausbildung im Weinbau gelegt, ein erfolgversprechendes Vorhaben. (Wir werden in einer der n\u00e4chsten Ausgabe ausf\u00fchrlich dar\u00fcber berichten). Aber es gilt in der internationalen Zusammenarbeit auch, dass ganz sicher hin und wieder die Eigeninteressen der Geberl\u00e4nder oder ihrer Durchf\u00fchrungsorganisationen eine Rolle spielen. Etwas mehr strategische und inhaltliche Koordination k\u00f6nnte sicherlich hilfreich sein. Das ist allerdings nur eine kleine Randbemerkung, die sich aus diesem Papier ergibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">In der Hauptsache geht es den Autoren darum, aufzuzeigen, welche Ergebnisse von den 2013 vereinbarten sieben Kapiteln der Reformagenda erreicht wurden. Erfolge wird dies in einer Tabelle des Papiers genannt. Daneben werden aber auch die Herausforderungen gestellt, eine diplomatische Umschreibung dessen, was die Autoren wohl an Misserfolg oder dringendem Nachholbedarf meinen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Kapitel <strong><strong><span style=\"font-family: Arial;\">Sozialpartnerschaft<\/span><\/strong><\/strong><\/span><\/span><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> sind erfolgreich Strukturen etabliert worden. Aber, so steht es in der Spalte Herausforderungen: Kaum erkennbare Wirkung auf den Reformprozess. Im Kapitel <\/span><strong><strong><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">Berufsschulen<\/span><\/strong><\/strong><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> wird die Investition in neue Berufsschulen und die Modernisierung bestehender als Erfolg gewertet. Die Herausforderung: Geringe Effizienz, geringe Anzahl von Absolventen, niedrige Qualit\u00e4t der zu vermittelnden Kenntnisse und Fertigkeiten. Im Kapital <\/span><strong><strong><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">Ausbildungsprogramme<\/span><\/strong><\/strong><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> sind neue modulare Ausbildungsprogramme entwickelt, ein Erfolg. Die Herausforderung: Es sind oft schulbasierte Programme mit einem geringen Praxisanteil, alles andere also als eine duale Ausbildung. Im Kapitel <\/span><strong><strong><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">Lehrer<\/span><\/strong><\/strong><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> wird als Erfolg bewertet, dass in den letzten beiden Jahren 96 neue Lehrkr\u00e4fte eingestellt und zusammen mit den bestehenden Lehrkr\u00e4ften trainiert wurden. Das Ergebnis, also die Herausforderung f\u00fcr die Zukunft, liest sich recht ern\u00fcchternd: Keine erkennbare Verbesserung der Qualit\u00e4t der Ausbildung, \u00dcberalterung und Mentalit\u00e4t der bestehenden Lehrkr\u00e4fte. Im Kapitel <\/span><strong><strong><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">Nationaler Qualifizierungsrahmen<\/span><\/strong><\/strong><strong><strong><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">(NQF)<\/span><\/strong><\/strong><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> wird attestiert, dass dieser noch nicht verabschiedet wurde. Die Herausforderung: NQF ist <\/span><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">nicht<\/span><\/span><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> die treibende Kraft f\u00fcr Ver\u00e4nderungen des Ausbildungssystems. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Kapitel <strong><strong><span style=\"font-family: Arial;\">Besch\u00e4ftigungsf\u00e4higkeit<\/span><\/strong><\/strong><\/span><\/span><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> wird als Erfolg das Ergebnis einer Studie von 2015 bewertet, wonach 46 Prozent der Absolventen der derzeitigen Berufsausbildung eine Besch\u00e4ftigung finden. Die Herausforderung der Autoren kommt zu einem anderen, vernichtenden Urteil: Dem Abschlusszertifikat der Absolventen wird von der Wirtschaft kein Wert beigemessen. Und im letzten Kapitel der Reformagenda, dem Kapitel <\/span><strong><strong><span style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-size: medium;\">Image,<\/span><\/strong><\/strong><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\"> steht als Erfolg: Leicht verbessertes Image der Berufsausbildung bei der Bev\u00f6lkerung. Als Herausforderung schreiben die Autoren dagegen: Die Berufsausbildung ist weit von allgemeiner Akzeptanz entfernt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Alles in allem ein in der gewiss technisch-spr\u00f6den Sprache der Entwicklungszusammenarbeit geschriebener Verriss der bisherigen Bem\u00fchungen der internationalen Berater, der in dem oben schon zitierten Fazit m\u00fcndet: Der Aufwand der internationalen Geldgeber und des bereitgestellten Staatshaushalts stehen in keinem verantwortbaren Verh\u00e4ltnis zum Ergebnis. Ein deutlicher Warnschuss f\u00fcr die georgische Regierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Die Autoren werden nach drei Jahren intensiver Arbeit noch deutlicher. Zielgruppe ihrer Bem\u00fchungen sind prim\u00e4r Jugendliche, die nach Abschuss der Sekundarausbildung auf das Berufsleben vorbereitet werden sollen. In der Realit\u00e4t sind im abgelaufenen Schuljahr von 486.147 Jugendlichen im Alter von 16 bis 24 Jahren (Quelle GEOSTAT) nur 6.937 Berufssch\u00fcler registriert. Das entspricht gerade einmal 1,43 Prozent der Zielgruppe, der internationale Standard liegt bei etwa 30 Prozent. \u00dcber die Qualit\u00e4t dieser Berufsschulen haben sich die Autoren ohnehin deutlich ge\u00e4u\u00dfert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Mehr als nur problematisch erscheint auch eine andere Sicht der Autoren auf die real-existierende Situation der Berufsausbildung in Georgien. Von den 2,390 Millionen Menschen im berufsf\u00e4higen Alter (Quelle: GEOSTAT) sind nur 18 Prozent in einem Angestelltenverh\u00e4ltnis besch\u00e4ftigt. Der Rest ist entweder arbeitslos oder wird als &#8222;self-employed&#8220;, also als selbst\u00e4ndige Unternehmer gef\u00fchrt. Die derzeitige Berufsausbildung in Georgien ziele nur auf die Gruppe der Menschen, die in einem Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis stehen. F\u00fcr den \u00fcberwiegenden Rest der Arbeitslosen oder (Schein)-Selbst\u00e4ndigen g\u00e4be es keine Angebote in den Berufsschulen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Die Autoren des Papiers machen auch weitreichende Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine dringende Fortentwicklung der Reformagenda und fordern die georgische Regierung eindringlich auf, diese Ans\u00e4tze aufzugreifen und deren Umsetzung zu initiieren. Au\u00dferdem g\u00e4be es eine Reihe anderer, fachlich fundierter Konzepte, die auf einen Systemwechsel und die Einf\u00fchrung einer auf georgische Verh\u00e4ltnisse abgestimmten dualen Ausbildung abzielen. Was fehle, sei die politische F\u00fchrung und Entscheidung, diese Reformen anzusto\u00dfen und der Mut, sie gegen zu erwartende Widerst\u00e4nde durchzusetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Der k\u00fcrzlich erst ins Amt gekommene Bildungsminister setzt in der Berufsausbildung unter anderen drei Schwerpunkte: Imageverbesserung, Erweiterung der Erwachsenenbildung und Hochschulzugang f\u00fcr Absolventen der Berufsausbildung. Das Urteil der Autoren: So sinnvoll diese Bereiche auch sein m\u00f6gen &#8211; dies ist Symptombek\u00e4mpfung und gen\u00fcgt noch nicht f\u00fcr die gew\u00fcnschte Wirkung einer reformierten Berufsbildung. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000; font-size: medium;\">Die Zeit dr\u00e4ngt, hei\u00dft es in dem Papier, was nur so zu verstehen sein kann, dass die Reform der Berufsausbildung scheitert, wenn jetzt nicht schnell die erforderlichen Schritte zu einer Reform der Reform-Agenda eingeleitet werden. Dazu sei aber vor allem politische F\u00fchrung gefragt. Seit Januar diesen Jahres wird der georgische Premierminister nicht m\u00fcde, die Reform der Berufsausbildung nach dem Vorbild der deutschen Dualen Ausbildung als oberste Priorit\u00e4t seiner Regierung darzustellen. Vielleicht erreicht das Papier, das nach Recherchen der KaPost bereits in mindestens einer georgischen Beh\u00f6rde zirkuliert, dann doch einmal den Regierungschef.<\/span><\/p>\n<p>Rainer Kaufmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Internationale Experten fordern in vertraulichem Papier die Regierung zum Handeln auf In der Internationalen Zusammenarbeit werden j\u00e4hrlich mehrere Zehntausend Seiten an Fortschrittsberichten gedruckt, die in der Regel die Botschaft enthalten: Alles richtig gemacht, Ziele erreicht, die n\u00e4chste Stufe kann beginnen, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=2117\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":[],"categories":[1],"tags":[404,132],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2117"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2117"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2124,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2117\/revisions\/2124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}