{"id":1931,"date":"2015-10-12T20:12:55","date_gmt":"2015-10-12T18:12:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=1931"},"modified":"2015-10-12T20:12:55","modified_gmt":"2015-10-12T18:12:55","slug":"jugendstrafrecht-ist-immer-ein-aufreger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=1931","title":{"rendered":"Jugendstrafrecht ist immer ein Aufreger"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?attachment_id=1933\" rel=\"attachment wp-att-1933\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-1933\" title=\"2015_08_kapost_gespr\u00e4ch_IMG_8550_web\" src=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/2015_08_kapost_gespr\u00e4ch_IMG_8550_web.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"194\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. jur. Helga Oberloskamp: Kritische Bilanz nach f\u00fcnf Monaten in Georgien<\/strong><\/p>\n<p>Helga Oberloskamp ist eine emeritierte Professorin f\u00fcr Familien- und Jugendrecht der Fachhochschule K\u00f6ln, die jetzt im Auftrag des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) f\u00fcnf Monate an der TSU in Tiflis ebendiese F\u00e4cher unterrichtet hat. In deutscher und englischer Sprache, wobei sie weitaus mehr englisch sprechende Studierende hatte als Studierende mit Deutschkenntnissen. &#8222;Deutsches Recht f\u00fcr georgische Ohren in einer anglo-amerikanischen Sprache zu vermitteln, war schon ein Problem. Wir haben viel aneinander vorbeigeredet.&#8220; Im KaPost-Gespr\u00e4ch hat sie dann wohl eine weitere Sprache gefunden, um richtig verstanden zu werden. Die Professorin sprach meist Tacheles und schonte &#8211; bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation in Georgien &#8211; weder Politik, noch Universit\u00e4ten, Studierende und ihre Familien.<\/p>\n<p>Zum Beispiel war da das Thema Jugendstrafrecht. &#8222;\u00dcberall, wo ich bisher war, zum Beispiel im letzten Jahr in Sibirien, war Jugendstrafrecht ein Aufreger.&#8220; In Sibirien h\u00e4tte man sie \u00fcberhaupt nicht verstanden, in Georgien arbeite man immerhin an einem modernen Jugendstrafrecht, das durchaus europ\u00e4ischen Standards, meist deutsch-\u00f6sterreichischen, entspr\u00e4che. Das Grundproblem: W\u00e4hrend in Deutschland nur etwa 20 Prozent der straff\u00e4lligen Jugendlichen mit Freiheitsentzug bestraft w\u00fcrden, ist es andernorts gerade umgekehrt. 80 Prozent der jugendlichen Gesetzesbrecher werden eingesperrt. Das deutsche Jugendstrafrecht sieht weitaus mehr ambulante Sanktionen vor wie Antiaggressionskurse oder Sozialstunden. Denn bei ambulant sanktionierten Jugendstraft\u00e4tern ist die R\u00fcckfallquote weitaus geringer als bei Freiheitsentzug. &#8222;Junge Leute wegsperren, hilft \u00fcberhaupt nichts.&#8220; Das soll jetzt auch im georgischen Recht verankert werden, ein Fortschritt, ganz gewiss. Nur: F\u00fcr ambulante Sanktionen braucht man Sozialarbeiter &#8211; ein Beruf, der einen hohen Ausbildungsgrad erfordert. Und man braucht Institutionen, in denen die verordnete Sozialarbeit etwa abgeleistet werden kann. In Deutschland sind das die Jugend\u00e4mter und freie Tr\u00e4ger von Sozialarbeit. Trotz vielf\u00e4ltiger Recherchen habe sie in Georgien keine Ans\u00e4tze gefunden, diese Infrastruktur an Personal und Institutionen<span style=\"text-decoration: line-through;\">,<\/span> aufzubauen, die es braucht, um das Gesetz auch umzusetzen. Zu den Sozialwissenschaftlern zu gehen, um dort nachzufragen, h\u00e4tten ihr die Juristenkollegen abgeraten. Da g\u00e4be es keine Ans\u00e4tze in dieser Richtung. &#8222;Was nutzt es, theoretische Sozialwissenschaft zu lehren, wenn keine Praxis-bezogene Berufsausbildung damit einhergeht?&#8220;<\/p>\n<p>Den Einwand, Sozialarbeiter w\u00fcrden wohl zu viel Geld kosten, das der Staat derzeit nicht habe, kontert die lebenserfahrene Jugendrechtlerin ganz einfach: Knastanstalten kosten auch Geld und zwar mehr als eine gute Sozialbetreuung von jugendlichen Straft\u00e4tern, die ja oft nur durch ihr soziales Umfeld und die Lebensumst\u00e4nde zu Straft\u00e4tern wurden. Ob das in Georgien verstanden wird, wo man im neuen Jugendstrafrecht wohl nur zwei Agenturen auf Ministerialebene mit dieser Aufgabe betrauen will, sie hat da ihre Zweifel.<\/p>\n<p>Zweifel hat Helga Oberloskamp auch am Ausbildungssystem der Universit\u00e4ten. Ihre Erfahrungen mit den Studierenden sprechen nicht unbedingt f\u00fcr die Qualit\u00e4t der immer wieder und von allen gelobten Hochschulausbildung im Lande. Viele der Studenten w\u00fcrden die Vorlesungen nur absitzen, weil Anwesenheitspflicht besteht. Es sei \u00fcberaus schwierig gewesen, von kleinen Arbeitsgruppen klar strukturierte Protokolle der Vorlesungen zu bekommen, was sie zur Pflicht gemacht hat. Viele Studenten h\u00e4tten nicht auf eine einzige Frage von ihr eine Antwort gegeben. &#8222;Das habe ich in all meinen Berufsjahren noch nie erlebt.&#8220; Und Fallbeispiele durchzusprechen, wie es an deutschen Universit\u00e4ten gang und g\u00e4be ist, um einen Praxisbezug in der Ausbildung herzustellen, sei geradezu verp\u00f6nt gewesen. Die \u00fcberwiegende Anzahl der Studenten seien nur an theoretischem Material interessiert, eigenes Nachdenken &#8211; Fehlanzeige. &#8222;Wie wollen die denn lernen, mit ihrem Wissen in der sp\u00e4teren Berufspraxis als Juristen umzugehen?&#8220; Helga Oberloskamp kann ihre Ratlosigkeit nicht verbergen.<\/p>\n<p>Dann die Pr\u00fcfung. Handies einsammeln, wie in Deutschland, habe sie gleich gar nicht in Erw\u00e4gung gezogen. Und einige schwerere Aufgaben wie die L\u00f6sung von Einzelf\u00e4llen und hier besonders die Interpretation von unbestimmten Rechtsbegriffen wie &#8222;Kindeswohlgef\u00e4hrdung\u201c, \u201eangemessen\u201c, \u201enotwendig\u201c &#8211; in deutschen Klausuren die Regel &#8211; h\u00e4tte sie auch nicht aufgenommen. Nur Fragen, die sich auf den in den Vorlesungen behandelten Stoff bezogen und sich durch Auswendiglernen beantworten lie\u00dfen. Trotzdem: in einem Raum mit ca. 100 Personen ein L\u00e4rmpegel, den sie so bei Pr\u00fcfungen noch nie erlebt habe. Die dreist\u00fcndige Kommunikation unter den Pr\u00fcflingen lies durch nichts unterbinden. Nahezu alle h\u00e4tten voneinander abgeschrieben, komplette wortgleiche Arbeiten in Serie. Die Pr\u00fcfung hat sie dann nicht korrigiert und annullieren lassen. Die Klausur wurde &#8211; mit weniger Fragen, da die Studenten anscheinend zeitlich \u00fcberfordert waren \u2013 wiederholt mit exakt den gleichen Inhalten. Ergebnis: immer noch eine Durchfallquote von 30 Prozent. Die Reaktion der Durchgefallenen: Heftige Proteste, die sie selbst in stundenlangen Sprechstunden nicht bes\u00e4nftigen konnte. Aber: &#8222;Wenn die geforderte Leistung nicht erbracht wird, liegt das dann an mir?&#8220; Nur begrenztes Verst\u00e4ndnis auch in der Kollegenschaft, denn der Marktwert auch staatlicher Universit\u00e4ten h\u00e4ngt eng mit der Erfolgsquote bei Pr\u00fcfungen zusammen. Bei privaten Universit\u00e4ten, so argw\u00f6hnt sie, sei das &#8211; systembedingt &#8211; noch viel bedeutender\u2026.<\/p>\n<p>Den gewaltigen Niveauunterschied zwischen deutschen und georgischen Hochschulen lastet sie auch dem Niveau des georgischen Schulsystems an. <span style=\"text-decoration: line-through;\">So<\/span> lange Lehrer mittelm\u00e4\u00dfig bezahlt werden und dies durch privaten Nachhilfeunterricht ausgleichen m\u00fcssen, so lange k\u00f6nne man von den Studierenden keine besonderen Eigenleistungen erwarten. &#8222;Man wird hier lernen m\u00fcssen, dass Freiheit auch bedeutet, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, etwas auf die eigene Schulter zu laden. Und das schon in der Universit\u00e4tsausbildung. Ich habe den Eindruck, man studiert hier nur f\u00fcr das Zertifikat, nicht f\u00fcr das eigene Leben. Ein eigenverantwortlicher Einsatz mit dem Ziel fachlicher Souver\u00e4nit\u00e4t ist eigentlich nicht vorgesehen.&#8220; Einen Wahnsinn nennt sie das. Die Eltern peitschen ihre Kinder \u2013 oft unter gro\u00dfen finanziellen Entbehrungen &#8211; durchs Studium und denken, mit einem Hochschulabschluss w\u00e4re das Leben dann abgesichert. Dabei fehle in dem Land &#8211; siehe Bew\u00e4hrungshelfer und Sozialarbeiter &#8211; und noch viel mehr im technisch-handwerklichen Bereich, in dem nicht jeder studiert haben muss, der berufliche Mittelbau. Da sieht die Hochschulprofessorin den meisten Nachholbedarf.<\/p>\n<p>Wie gesagt, Helga Oberloskamp kann neben Deutsch und Englisch auch Tacheles, eine ganz besondere Fremdsprache. Ob ihre Kolleginnen und Kollegen der Hochschule von dieser Kritik begeistert sind? Die Antwort ist knapp: &#8222;Kritik muss man aushalten k\u00f6nnen!&#8220; Und dann zum Schluss noch vers\u00f6hnlichere T\u00f6ne: &#8222;Georgien ist ein grandioses, ein begnadetes Land. Leider machen die Menschen viel zu wenig daraus.&#8220; Die Juristin wei\u00df, wovon sie spricht. In ihrer Hochschulzeit hat sie viele Jahre eine Dreil\u00e4nder-Kooperation zwischen Deutschland, Polen und Litauen auf dem Gebiet der Justizreformen geleitet. Und nachdem sie 2008 in den Ruhestand gegangen war, hat sie in verschiedenen Projekten vor allem in den Staaten des fr\u00fcheren Ostblocks gearbeitet. Helga Oberloskamp kann Vergleiche zu anderen L\u00e4ndern anstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. jur. 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