{"id":1812,"date":"2015-02-19T19:46:00","date_gmt":"2015-02-19T18:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=1812"},"modified":"2015-02-19T20:01:50","modified_gmt":"2015-02-19T19:01:50","slug":"hysterie-um-wahrungsverfall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=1812","title":{"rendered":"Hysterie um W\u00e4hrungsverfall"},"content":{"rendered":"<p><strong>Georgien denkt zu sehr im amerikanischen Dollar<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die aktuellen Wechelkurse finden Sie auf: nbg.gov.ge<\/em><\/p>\n<p>Die Anekdote ist zwar schon ein paar Jahre alt, sie trifft aber die augenblickliche Hysterie um den W\u00e4hrungsverfall des Lari ziemlich genau: Ein Banker f\u00e4hrt mit dem Taxi durch die Stadt. Der Taxifahrer erregt sich \u00fcber die Wechselkurse an den Wechselstuben, bei denen der Lari zum Dollar mal wieder schw\u00e4chelte. &#8222;Schauen Sie mal, was diese Regierung mit uns macht.&#8220; Frage des Bankers: &#8222;Haben Sie eigentlich Dollar-Guthaben?&#8220; &#8222;Nein&#8220;. &#8222;Wann haben Sie das letzte Mal Lari gegen Dollar getauscht? Und wie viel?&#8220; &#8222;Vor ein paar Jahren, vielleicht 100 Dollar.&#8220; Antwort des Bankers: &#8222;Also, was geht Sie das eigentlich an? Betrifft Sie der t\u00e4gliche Wechselkurs wirklich?&#8220;<\/p>\n<p>Es ist wieder einmal so weit, die georgische W\u00e4hrung hat Ende Januar wie schon \u00f6fter in den letzten 15 Jahren die Zwei-Lari-Marke zum Dollar \u00fcberschritten. Und nichts deutet darauf hin, dass sich daran kurzfristig etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte. Mittlerweile wird der Dollar bereits zu 2,20 Lari gehandelt. Dabei hat die Regierung immer wieder versucht, den Lari unter diese magische Grenze gesund zu beten. Vergeblich. Und alle reden von Preiserh\u00f6hungen, die jetzt unweigerlich zu folgen h\u00e4tten; Vermieter fordern sofort h\u00f6here Lari-\u00dcberweisungen; in den Medien haben politische Experten Hochkonjunktur; private Gespr\u00e4che drehen sich allenthalben nur noch um den Dollarkurs. Die Regierung fordert die Nationalbank auf, zu intervenieren. Die Nationalbank verweist auf ihre Unabh\u00e4ngigkeit von der Politik und darauf, dass sich der Wechselkurs des Lari aus der Entwicklung auf einem freien Markt ergibt. Jetzt zu intervenieren, sei ein w\u00e4hrungspolitischer Fehler. Nat\u00fcrlich sind auch in viele Wortmeldungen von parteipolitischen Interessen gepr\u00e4gt. Der Vorwahlkampf hat l\u00e4ngst begonnen.<\/p>\n<p>Die Hintergr\u00fcnde des derzeitigen Lari-Verfalls zum Dollar sind schnell erkannt. Zum einen erlebt der Dollar gerade einen H\u00f6henflug etwa auch zum Euro, zum anderen sind es aber auch hausgemachte Gr\u00fcnde, die den Lari schw\u00e4cheln lassen. Gr\u00fcnde, die dann verst\u00e4ndlich werden, wenn man sich das System der Wechselkursfindung erst einmal vor Augen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Lari wird zwar nicht auf dem internationalen Devisenparkett gehandelt, seine Kursentwicklung h\u00e4ngt aber trotzdem von Marktgesetzen, von der t\u00e4glichen Entwicklung von Angebot und Nachfrage in Georgien nach Devisen ab. Das geschieht auf einer Art fiktiver Geldb\u00f6rse, auf der alle bei der Nationalbank akkreditierten Geldh\u00e4user t\u00e4glich ihre Kaufanfrage nach W\u00e4hrungen jeglicher Art bekannt geben oder ihr Verkaufsangebot f\u00fcr W\u00e4hrungen, die sie nicht ben\u00f6tigen. Die Abschl\u00fcsse unterliegen einem freien Handel der Geldh\u00e4user untereinander oder mit der Nationalbank. Sie werden von der Nationalbank nur statistisch erfasst. Die Nationalbank setzt dann am Ende eines Handelstages nach einer bestimmten mathematischen Formel den Referenzkurs der georgische W\u00e4hrungen zu anderen W\u00e4hrungen fest. Nur im Ausnahmefall und unter strengen Auflagen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds kann die Nationalbank intervenieren, zum Beispiel bei kurzfristigen und au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ver\u00e4nderungen der Devisennachfrage. In diesen Tagen hat sie das schon zweimal gemacht, mit wenig Erfolg. K\u00fcnstliche St\u00fctzungsma\u00dfnahmen, die der Marktentwicklung des Lari entgegensteuern k\u00f6nnten, sind ihr untersagt. Das bedeutet auch, dass sich der Preis einer W\u00e4hrung an jedem Tag auch danach richtet, welche Summe dieser W\u00e4hrung gerade im Lande ist. Bei sinkenden Devisenzufl\u00fcssen und steigendem Devisenbedarf f\u00e4llt unweigerlich der Lari. Anders ausgedr\u00fcckt: Der Wechselkurs des Lari h\u00e4ngt auch von der Handelsbilanz des Landes ab und deren Defizit w\u00e4chst Monat f\u00fcr Monat. Wenn immer mehr Devisen f\u00fcr Importe gebraucht werden, denen immer weniger Einnahmen f\u00fcr Exporte gegen\u00fcber stehen, muss das unweigerlich den Wert des Lari dr\u00fccken. Es sei denn, die jeweils aktuelle negative Handelsbilanz kann durch andere Devisenzufl\u00fcsse ausgeglichen werden.<\/p>\n<p>Die Nationalbank verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass das Land in den letzten Monaten rund 700 Millionen Dollar weniger an Devisenzufl\u00fcssen zu verzeichnen hatte als im Vorjahr. Zum einen sind Exporte zur\u00fcckgegangen, die Importe aber gestiegen. Zum anderen flossen auch weniger direkte Investitionen aus dem Ausland zu, von denen der georgische Lari lange profitiert hat. Und zum dritten \u00fcberweisen die georgischen Arbeitsmigranten vor allem aus Russland deutlich weniger Geld als fr\u00fcher, geschuldet nat\u00fcrlich dem Verfall der russischen W\u00e4hrung. In Russland arbeiten mehr als eine halbe Million georgischer Gastarbeiter, Menschen, denen ihr Heimatland keine Arbeit und kein hinreichendes Einkommen bietet. Ihre \u00dcberweisungen haben vor allem den Familien der unteren Einkommensh\u00e4lfte in den letzten Jahren ein \u00dcberleben \u00fcberhaupt erm\u00f6glicht. Sie haben jetzt weniger Geld und m\u00fcssen \u00fcberdies mit den Folgen der Lari-Abwertung, sofern sie sich in Preiserh\u00f6hungen niederschlagen, zurecht kommen.<\/p>\n<p>Ob es wegen der Lari-Dollar-Schw\u00e4che \u00fcberhaupt zu Preiserh\u00f6hungen kommen muss, ist fraglich. Zum einen dr\u00fcckt der \u00d6lpreisverfall auf Energie- und Transportkosten. Zum anderen werden viele Importe, vor allem Lebensmittel, \u00fcber andere W\u00e4hrungen abgewickelt, den Euro oder die t\u00fcrkische Lira. Und zu diesen W\u00e4hrungen hat sich der Lari in den letzten Monaten stabil behauptet. Erst seit zwei Tagen wird auch der Euro st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob sich der Lari zum Dollar zur Sommerzeit wieder erholt, was viele Experten erwarten, bleibt f\u00fcr die georgische Volkswirtschaft ein grunds\u00e4tzliches Problem. Das Land lebt nach wie vor \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse, konsumiert mehr als es produziert, kauft mehr auf dem Weltmarkt ein als es dort verkaufen kann. Bei einem Hintergrundgespr\u00e4ch mit Vertretern der Deutschen Wirtschaftsvereinigung deckte Nationalbankpr\u00e4sident Giorgi Kadagidze die Schw\u00e4chen der georgischen Volkswirtschaft schonungslos auf. Sein Fazit: So lange Georgien kein Unternehmertum aufbaut, das Produkte herstellt, die auf dem Weltmarkt verkaufbar sind, sondern nur Unternehmer, die weltweit einkaufen, so lange wird der Wert des Lari immer davon abh\u00e4ngen, ob andere Gelder ins Land kommen oder nicht. Und so lange wird es immer wieder zu Wechselkursschw\u00e4chen des Lari kommen. Und so lange, f\u00fcgte ein Bankinsider hinzu, so lange nahezu alle Vertr\u00e4ge im Land, Mietvertr\u00e4ge und andere, immer in Dollar ausgehandelt werden statt in der georgischen W\u00e4hrung, so lange der Dollar als eigentliche W\u00e4hrung des Landes in den K\u00f6pfen auch derer dominiert, die keine Dollar besitzen, so lange wird es immer wieder zu hysterischen Debatten um die georgische Nationalw\u00e4hrung kommen. Vielleicht, so sein Vorschlag, sollte man &#8211; wie in anderen L\u00e4ndern erfolgreich vorexerziert &#8211; deshalb alle \u00f6ffentlichen W\u00e4hrungskursangaben an Wechselstuben verbieten. Das w\u00fcrde den Lari zwar nicht st\u00e4rken, aber die Diskussion um ihn versachlichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georgien denkt zu sehr im amerikanischen Dollar Die aktuellen Wechelkurse finden Sie auf: nbg.gov.ge Die Anekdote ist zwar schon ein paar Jahre alt, sie trifft aber die augenblickliche Hysterie um den W\u00e4hrungsverfall des Lari ziemlich genau: Ein Banker f\u00e4hrt mit &hellip; <a href=\"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/?p=1812\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":[],"categories":[1],"tags":[399,49],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1812"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1812"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1812\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1817,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1812\/revisions\/1817"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1812"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1812"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kaukasische-post.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1812"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}